Niemand hätte dem neuen Bundespräsidenten das zugetraut. Dass er die in Deutschland lebenden Moslems als Bürger dieses Landes begrüßt, dass er sie neben Christen und Juden als dritte große Religionsgemeinschaft in Deutschland zur Kenntnis nimmt. Die Kanzlerin hat jetzt klargestellt, dass es so ja nun auch nicht geht: „Die prägende Kraft unserer Kultur [ist] das Christlich-Jüdische, über Jahrhunderte, um nicht zu sagen über Jahrtausen- de.“ (Sic! Hat Frau Merkel da etwa das Tausendjährige Reich mitgezählt?) Schon ist ein neuer Begriff geboren, der end- und gedankenlos nachgebetet wird: christlich-jüdische Kultur. Wird hier nicht der Versuch gemacht, durch den Bindestrich schönzureden, was wirklich war zwischen Christen und Juden?
Juden - ja, da war doch was? Über Jahrhunderte, wenn nicht gar über Jahrtausende wurden Juden von Christen zu Südenböcken aller möglichen Übel gestempelt, verfolgt, umgebracht. Ein anschwellende Leidens- geschichte, die mit der Shoah ihren Höhe- und hoffentlich auch Endpunkt gefunden hat. Das genau ist die christlich-jüdische Geschichte. Wenn sich die Christliche Union jetzt eine jüdische Identität zulegen möchte, dann soll sie das ruhig tun. Doch müsste sie sich dann nicht auch in CJDU (Christlich-Jüdische Demokratische Union) umbenennen? Am Wahlergeb- nis könnte man dann ablesen, wie hoch der Anteil der Antisemiten gerade in der Wählerschaft dieser Partei tatsächlich ist. Sich aber nur die Rosinen aus dem Kuchen herauszupicken – da sei der Zentralrat der Juden vor.
Eines aber gibt zu denken: Die neue Wortverbindung erscheint stets in der Reihenfolge christlich-jüdische (Tradition / Geschichte / Wurzeln und ganz besonders verlogen: Erbe), nie andersherum. Das kann doch nicht allein dem Alphabet geschuldet sein - oder?