Es ist nicht zu fassen: Seit Jahren wird in allen politischen und weltanschaulichen Lagern auf der These herumgeritten, dass der Islam dort zuschlagen werde, wo er “unseren Lebensstil“, unsere kulturelle Identität am empfindlichsten und symbolträchtigsten zu treffen vermag. Offenbar trifft dies auf Großveranstaltungen zu, auf denen der Einzelne mal so richtig die Sau raus lassen kann, und in irgendeiner wenig einsichtigen Weise Religion und Vergnügen miteinander verwoben sind.

Auf Prozessionen etwa (Papst Johannes Paul II.), Fußball-Länderspielen (Paris, November 2015), Karnevalumzügen (Köln, Februar 2016), Großkonzerten (Paris November 2015), ÖPNV in katholischen Regionen (mehrmals), Veranstaltungen im Zusammenhang mit Nationalfeiertagen (Nizza 2015), Oktoberfesten und anderen Events. Beim Anblick deutscher Wiesn-Frauen, die mal so eben zehn Humpen stemmen, sind die Herren Attentäter allerdings von dieser Idee wohl wieder abgekommen. Sollte da tatsächlich niemand auf den Gedanken gekommen sein, auch in den allerorts stattfindenden Weihnachtsmärkten ein Gefährdungspotential zu sehen?

Es ist nicht zu fassen: Trotz dieser Gefahrenlage wurden keine flächendeckenden Abwehrmaßnahmen ergriffen, die es Gefährdern unmöglich gemacht hätten, ihre selbst geklauten Laster in Weihnachtsfolklore konsumierende Massen von Christenmenschen zu lenken, die dort im Meer christlicher Liebe badeten? Oder in Scharen von Jecken, die Abschied von Fleisch- und Fleischeslust nehmen? Es wundert, dass dies alles erst jetzt erkannt wird und entsprechende Schutzmaßnahmen ergriffen werden.

Es ist nicht zu fassen: Trotz dieser Sachlage verkümmern Drohungen gegen religiöse Eiferer (die nach herrschender Ansicht offenbar nur aus den Reihen der Muslime kommen können) zu leeren Gesten; die Warnungen vor dem bevorstehenden Untergang des Abendlandes sind an Scheinheiligkeit kaum zu überbieten.

Es ist kaum zu fassen: Noch ist der Platz des Gemetzels nicht geräumt, da erfahren wir, dass Schutzmaßnahmen gegen durchgeknallte Islamisten andernorts bereits gang und gäbe sind! Entsprechende Bilder aus Dresden oder Köln werden im Fernsehen gezeigt, waren also bereits informationell verfügbar.

Es ist nicht zu fassen , denn es kommt noch dicker: Der mutmaßliche Täter, Anis Amri, ist den deutschen Anti-Terrorkräften als Gefährder bestens bekannt. Im jetzt zu Ende gehenden Jahr, dem Jahr der Tat, haben sich die Spezialisten ganze sieben Mal über ihn „ausgetauscht“O-Ton Presseerklärung). Und doch wurde er nicht als potentieller Täter genauer unter die Lupe genommen! Man kann nur spekulieren, was die Fahnder zu dieser Nachlässigkeit verführt hat. Es kann nur die Arbeitsplatz-Keule gewesen sein: Wenn in Deutschland etwas nicht geht, dann steckt oft die Angst um den Verlust von Arbeitsplätzen dahinter. In diesem Fall hätten die Chef-Fahnder möglicherweise um ihre eigenen Jobs fürchten müssen. Vielleicht; jetzt aber hoffentlich erst recht. Und heute nun ereilt uns der Auftritt der Sprecherin der Bundesanwaltschaft, die dieser geballten Ladung an Unvermögen den sprachlich angemessenen Ausdruck verleiht. Bei Amri seien SIM-Karten gefunden worden, wie sie in den Niederlanden kostenlos verteilt worden, „so dass die Bundesanwaltschaft davon ausgeht, dass Amri über die Niederlande eingereist sein könnte.“

Was für ein Eingeständnis der Unprofessionalität: „davon ausgehen, dass“ – also „sicher sein“ – gefolgt von einer Potenzialfigur im Konjunkiv! Da kann sich jeder ausrechnen, was an Gewissheit bleibt.

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Was ist los? Nimmt der eigene Staat die seinem Schutz anvertrauten Bürger eigentlich noch wahr, geschweige denn ernst? Umgekehrt gefragt: Können wir uns diesem Staat noch anvertrauen? Nährt hier nicht der demokratische Rechtsstaat die Schlangen an seiner Brust? Sind die Kommunen im Kampf um die pole position in der Terrorprophylaxe schon so weit korrumpiert, dass ihnen jedes Mittel recht ist, also auch die Nicht-Information, um den Nachbarn ins Abseits zu manövrieren? Schande über euch! Nicht dass der Gegner unsere eigenen Schwächen so schonungslos aufdeckt, ist beschämend, (das machen Gegner nun mal so!) sondern dass wir uns derart vorführen lassen.

Nun könnte man ja auf den Gedanken kommen, dass die Islamisten sich tatsächlich im Krieg befindlich wähnen und entsprechend handeln. Das haben die Christen Jahrhundertelang ja auch so getan. Bis sie etwas selbstkritischer wurden, war ein Großteil ihrer potentiellen Brüder und Schwestern bereits hingemetzelt. Erst in letzter Zeit hat sich der Gedanke der Nächstenliebe (wieder) etwas Raum verschaffen können.

Hat man es bei der Auseinandersetzung mit dem Islam, genauer seinen radikalsten und fanatischsten Anhängern schon mal mit anderen Leitsätzen als jenen vom Schlage des alttestamentarischen “Auge um Auge“ etc. versucht? Der Gedanke: wenn dich der Feind schlägt, so halte ihm auch die andere Wange hin, soll ja christliche Wurzeln haben. Hat man es überhaupt je versucht, gemäß dieser Maxime zu handeln, so würde das Fazit interessieren. Sollte es negativ ausgefallen sein, scheint das Christentum nicht so recht zu taugen für diesen Kulturkampf. Dann aber sollten wir nicht mehr vorgeben, im Interesse höherer Werte zu handeln, sondern anerkennen, dass wir in einen Machtkampf involviert sind.

Mit Religion jedenfalls hat das alles nichts zu tun, weder auf der einen noch auf der anderen Seite. Lassen wir also die Kirche im Dorf!