In Köln ist es in der Neujahrsnacht zu sexuell motivierten Übergriffen auf Frauen durch Jungmänner angeblich maghrebinisch-arabischer Herkunft gekommen, von plumper Anmache bis hin zu einer Vergewaltigung. Es steht außer Frage, dass das Straftaten sind, die im Rahmen der geltenden Gesetze zu ahnden sind.

Köln? Ist es Zufall, dass gerade diese Stadt zum Ort solcher Taten geworden ist? Genauer noch: die Schnittstelle von Oberwelt (Dom) und Unterwelt (Hauptbahnhof, einschließlich dessen Rotlichtmilieus)? Vielleicht nicht, denn eine Stadt die sich eines Karnevals rühmt, der die Normen bürgerlichen Anstands aufgees Kalenders auch die Verabschiedung (vale) vom Fleische (carne) und der Lust daran terminlich nicht mehr so eng gesehen wird.

Zudem können wir annehmen, dass auch die semantische Eingrenzung des Begriffs „Fleisch“ auf das essbare Lebensmittel keineswegs der gängigen Praxis entspricht, dass vielmehr die Fleischeslust umfassender verstanden wird.

Wenn nun in einer Stadt, die sich wie kaum eine des Karnevals und seiner wohl vorchristlichen Riten erfreut, ja diese gar als Alleinstellungsmerkmal offensiv vermarktet, so ist das eingangs geschilderte sexualisierte Spiessrutenlaufen wohl nicht allein auf das Debet-Konto der Testosteron getränkten Jungmänner zu schreiben. Der bedrängte Teil verhält sich insofern kompatibel, als er auf die Anmache eher provokativ, also nach Kölner Art reagiert.

Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass in vielen, vielleicht sogar in den meisten Kulturen der Welt „Auszeiten“ vom Gebot ehelicher Treue gelten oder gegolten haben. Selbst eine in Sachen Anstand höchst reputierte wie die japanische hatte ihre moralischen Nischen. Aus der frühhistorischen Zeit um die Mitte des 8. Jahrhunderts wird von sexuellen Exzessen (utagaki) berichtet, die das Monogamiegebot zeitweise außer Kraft gesetzt haben.

Auf jeden Fall, so linear wie es die Medien gern hätten, wird es in Köln wohl nicht abgelaufen sein. Allein schon das Tragen der anlassüblich spärlichen Bekleidung könnte bei manchem Teilnehmer aus dem Mittelmeerraum Anlass genug gewesen sein, die in den Winterschlaf expedierten Hormone zu reaktivieren. Wie es zugehen mag im rheinischen Karneval, könnte ein Rückblick in die entsprechende Folge der Ekel-Alfred-Serie des Fernsehens („Ein Herz und eine Seele“) zeigen, eine der authentischsten ethnographischen Studien über das deutsche Volk in der Neuzeit.

Also die „Übergriffigkeit“ – wie sie taz-Leserin Angelika Oetken in einem Leserbrief nennt – ist auch bei uns „Biodeutschen“ keineswegs ein Exotikum, sondern musste in mühevoller Kleinarbeit zurückgedrängt werden. Von ihrer vollständigen Ausrottung kann keine Rede sein.

Wenn die Sexualisierung der Öffentlichkeit derartige Formen annimmt, darf man sich nicht wundern, wenn es zu Übergriffen kommt. Was immer ein Übergriff sein mag. Doch

das ist ein anderes Feld.