Der Tyrannenmord hat eine lange, gute Tradition, er ist vom allgemeinen Tötungsverbot des Christentums sogar ausgenommen. Die erste bekannte gewaltsame Tötung eines Despoten in Athen (514 v. Chr.) gilt als Geburtsstunde der Demokratie. Das Recht auf Widerstand findet auch im Grundgesetz der Bundesrepublik seinen Nachhall (Art.20.4), es ist sogar im historischen chinesischen Staatsdenken präsent. Der Kaiser regiert dort dank eines Mandats des Himmels, missbraucht er dies, kann es ihm entzogen werden, notfalls indem man (das Volk also) ihn tötet.
Der Tyrann richtet seine Schreckensherrschaft zuerst auf das Volk, über das er herrscht, also nach innen. Nach außen wird er erst aktiv, wenn ihm dies zur Absicherung seiner Herrschaft unerlässlich erscheint.
In dieser Tradition ist das Eingreifen der USA in den Zweiten Weltkrieg zu sehen. Denn Hitler war ein Tyrann, nach außen, aber auch nach innen.
Gilt das aber auch für Osama bin Laden? Kann man also, wie das ein taz-Leser tut, das US-Tötungskommando in Pakistan „in diesem Zusam- menhang in der Tradition von Oberst Claus Schenk von Stauffenberg sehen]“? Mit anderen Worten: War bin Laden ein Tyrann?
Dann muss ihm ein Objekt seiner Tyrannei auch im Inneren gegenüber gestanden haben. Doch wer ist das? Solange wir das nicht wissen, können wir die Frage, ob Osama bin Laden ein Tyrann war, nicht beantworten. Viel- leicht war er einfach nur ein Feind Amerikas. Dann wäre er Kriegsgegner gewesen, also Kombattant. Und die darf man bekanntlich nur in offener Feldschlacht töten. Aber dafür haben die Amerikaner sicherlich auch eine Erklärung.