Neues von Brasil 2014 (2)

Dass Fußball, zumal auf nationaler Ebene eine Art Ersatzkrieg sei, wird hin und wieder behauptet. Einen Hauch von Plausibilität verleiht dieser Behauptung die Tatsache, dass zu derartigen Anlässen die Nationalhymnen der Kontrahenten abgesungen werden. Wäre diese Sportart auch nur ein Jahrhundert früher erfunden worden, hätten die Trainer-Feldherren ihre Anweisungen sicherlich mit Hilfe von Trompetensignalen übermittelt.

Auch heute noch ist der Fußball nicht weit vom Krieg angesiedelt, was gelegentliche Zwischenfälle offenkundig machen. Meist sind es nicht Handgreiflichkeiten zwischen den Spielern, die, darin den Söldnern vergangener Zeiten ähnlich, stets und immer als Individuen agieren – auf eigene Rechnung also. Vereinswechsel bringen es zudem mit sich, dass die Top-Spieler schon einmal gemeinsam in einem Team gespielt haben, Kumpel sind. Die eigentlichen Streithähne sitzen in der Regel auf den Tribünen und tragen den Kampf stimmlich aus. (Auch wenn es unrühmliche Ausnahmen gibt.)

In der gestrigen Begegnung konnte man eine überraschende Abweichung von diesem Muster erleben. England spielte gegen Chile. Die Zeitspanne bis zum Anstoß ist bei allen Spielen und so auch hier äußerst knapp bemessen, gilt es doch Rücksicht auf wichtige Sendungen der nationalen Fernsehgesellschaften zu nehmen, die diese Spiele übertragen. Man stelle sich einmal vor, die Zuschauer würden auch nur ein paar Minuten verspätet vom Rücktritt des irakischen Ministerpräsidenten Maliki erfahren, Macht der zwar sowieso nicht, könnte aber sein,

So wird das Absingen der Hymnen auf eine Strophe zusammengestrichen. Das findet Zustimmung bei den Spielern, besonders bei denen aus Mitteleuropa oder in Diensten mitteleuropäischer Mannschaften, die ohnehin eher lustlos auf den Wörtern herumkauen.

Nicht so aber bei einigen der Fans aus anderen Gegenden der Welt. Gestern übten sich die aus Chile in Ungehorsam und sangen nach der ersten Strophe einfach weiter, während die Kapelle schwieg. Nun hört sich a-capella-Gesang von Laien ohne instrumentales Korsett weder in der Kirche noch auf dem Fußballplatz sonderlich schön an. Aus ästhetischem Impetus werden die aber wohl nicht weiter gesungen haben, eher um dem Gegner das Grausen beizubringen.

Und das ist ihnen gelungen: Chile besiegte England 2:1.