Das Schicksal der Juden unter der Nazi-Herrschaft schien mir aus zahlreichen Darstellungen hinreichend bekannt, ich habe Auschwitz und andere Vernichtungslager besucht, habe die Berge von Koffern gesehen, von Schuhen und anderen Gegenständen, deren Besitzer umgebracht worden waren. Ich habe versucht, mir das Unvorstellbare vorzustellen. Und geglaubte, dass mir das in dem Maße, in dem das möglich ist, auch gelungen sei.

Was mir nicht aufgefallen war: Ich habe mir stets nur das Grauen vorgestellt, das von den Tätern ausging, ihre Menschenverachtung, ihren Zynismus, ihre Brutalität, ihre Unmenschlichkeit. Es war dieses Verhalten, das mich als Deutschen mit Scham erfüllte. Die Opfer dagegen erschienen mir als gesichtslose Masse, die von einem Ort zum nächsten transportiert wurde, verängstigt und widerstandslos, bis in den Tod.

Als ob das nicht reiche, wird mancher sagen. Nein, tut es nicht. Es reicht nicht, den Holocaust als massenweises Auslöschen von Leben zu beschreiben. Denn die Vernichtung des Menschen setzte viel früher, vor der Tötung seines Körpers ein.

Die Opfer wehren sich gegen das ihnen zugedachte Schicksal mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen. Dabei wächst ihre Bereitschaft, Abstriche an ihren ethischen Standards vorzunehmen, Hemmschwellen herabzusetzen. Sie instrumentalisieren das Mit-Opfer für den eigenen Überlebenskampf. Sie sind Opfer und werden zugleich zu Tätern. Nicht aus freien Stücken, sondern weil der Vernichtungswahn der anderen sie dazu zwingt. Weil sie nur überleben oder zumindest ein bisschen länger leben können, wenn sie ihrerseits Schwächere, nein, nicht vernichten, aber doch benutzen, sich deren Ressourcen aneignen.

Das habe ich begriffen, als ich den Roman „Nacht“ von Edgar Hilsenrath las. Er beschreibt die Entmenschlichung der Opfer, ihre Tierwerdung, den Verlust sozialer Tugenden, die wir doch immer als größte Errungenschaft der Evolution betrachtet haben. Der Ghetto-Bewohner erkennt in seinem Nachbarn den Konkurrenten, den unmittelbaren Feind, ihn belauert er, um einen kurzen Moment der Unaufmerksamkeit zu seinen Gunsten zu nutzen. Er bestiehlt ihn, raubt ihm den Schlafplatz, die Frau. Er sorgt dafür, dass der andere schneller stirbt, um ihm dann die Goldzähne herauszubrechen, die er bereits seit längerem taxiert hat. Er bestiehlt den Nachbarn, um für das Gestohlene etwas Mehl, einige Kartoffelschalen oder fauliges Fleisch zu bekommen und so für eine kurze Zeit das eigene Weiterleben zu sichern.

Hilsenrath macht schonungslos den Verlust der Würde sichtbar. Und obwohl keiner der ursächlichen Täter in dem vom Autor gezeichneten Szenario auftritt, ist klar: Diese Entwürdigung, von den Nazis bewirkt, die Auslöschung der Würde des Menschen ist das größte Verbrechen, dessen sie sich schuldig gemacht haben. Es wiegt schwerer als der eigentliche Mord. Denn ausgelöscht wurde am Ende der Körper, nachdem bereits die Seele vernichtet worden war.