Rund zehn Jahre wurde über die Gestaltung eines „Denkmals für die ermordeten Juden Europas“, – so sein offizieller Name – , diskutiert, über das Warum, und auch das Wie. Ich erinnere mich, dass in der Anfangsphase auch ein Vorschlag gemacht wurde, der vorsah, an bestimmten Stellen die Betonbänder der Bundes-Autobahn durch kurze Schneisen aus Kopfstein- pflaster zu unterbrechen. Mich hat dieser Vorschlag deshalb beeindruckt, weil dadurch jeder einzelne Autofahrer etwas von der Gewalt spüren würde, der Juden (und andere Opfer des nationalsozialistischen Rassen- und Hygienewahns) ausgesetzt waren, ohne sich dagegen wehren zu können. Der Vorschlag wurde verworfen, wohl weil Sicherheitsbedenken dagegen standen. In Deutschland ist das ja das Totschlagargument. Schade, denn hier wäre eine echte Chance gewesen, über das nur symbolische Gedenken hinaus etwas von der unbeherrschbaren Unordnung zu spüren, die über das Leben der Opfer hereingebrochen war.

Den Grundgedanken dieses Gedenk-Konzepts griffen die „Stolpersteine“ auf, die der Künstler Gunter Demnig entworfen hat und die auf individuelle Holocaust-Opfer bezogen sind. Die Messingsteine, jeweils mit dem Namen eines Opfers versehen, sollen in unseren Alltag hineinwirken und so das Vergessen unmöglich machen. Das Konkrete eines solchen Gedenkens macht seine Wirkung aus.

Seit kurzem steht vor dem Bahnhof Friedrichstraße in Berlin-Mitte eine Skulpturengruppe, Kinder mit Köfferchen, in denen sie ihr Reisegepäck untergebracht haben, orientierungslos auf die Deportation wartend. Doch erst als ich neulich in der taz ein Foto aus Vilnius (Wilna) sah, das eine ähnliche Skulpturen-Szene zeigt, erkannte ich, dass diese Konkretisierung die vielleicht wirkungsvollste Art des Gedenkens ist. Zwei Personen: ein kleines Mädchen, aufblickend zu einem älteren Mann mit Stock, dem Großvater vielleicht, der eine liebevolle Geste des Beschützens zu dem Mädchen hin macht. Die Figuren sind ähnlich anthrazitgrau wie die der Kindergruppe in Berlin, wie alte Fotos. Gerade dieses Grau aber hebt sie von der sie umgebenden bunten Welt ab. Während aber die Berliner Kindergruppe bereits ausgesondert ist, angetreten zur Fahrt in den Tod, stehen Großvater und Enkelin noch in diesem Leben. Doch ihre Erstarrung kontrastiert auf bedrückende Weise zu dem sie umgebenden Leben, als habe jemand auf den Knopf gedrückt, um sie erstarren zu lassen. Sie werden in diesem Moment aus dem Leben herausgeholt, der Vernichtung zugeführt wie so viele ihrer Generation. Einige von denen, die als unsichtbare Schatten uns begleiten, die den Raum um uns her füllen, haben die Denkmalmacher wieder sichtbar werden lassen. Ihre körperliche Präsenz nötigt uns, sich ihrer zu erinnern, sich dessen stets bewusst zu sein, dass alle unsere Schritte, all unser Tun von Toten begleitet und belastet wird.

Möglich, dass das Denkmal für die ermordeten Juden Europas eine ähnliche Absicht gehabt hat, doch wer vermag in den glatten Stelen schon Schemen aus dem Jenseits erkennen? Das unermesslich große Stelenfeld mag Gefühle wie Angst, Verlorensein, Untergehen, Opfergefühle also, hervorrufen. Doch nur das bewusste Wahrnehmen des Schicksals der Opfer bewirkt, dass wir uns als Täter erkennen.