„So entstand am Ende leider so was wie eine etwas unterproduzierte, handwerklich ein bisschen sorglose, aber dafür weniger homogenisierte Variante jener Degeto-Produktionen des nationalen Feel-good-Movie, mit der seit Jahr und Tag eine lange, zähe Revision der deutschen Geschichte betrieben wird: Alle waren gut, nur Hitler war böse, Goebbels war komisch, und der Widersacher des guten Deutschen war der ‘Nazi-Scherge‘, der brüllt und mörderische Papiere unterschreibt. Und irgendwie schön war sie doch, diese Zeit.“

Das schreibt Georg Seeßlen am Ende seiner Besprechung des Films „Max Schmeling“ in der taz vom 6.10.2010. Natürlich meint er das ironisch, doch ist zu befürchten, dass solche Gefühle in dem unbedarften Zuschauer recht häufig auftreten werden, ist doch Schmeling ein Wohlfühlthema seit eh und je.

Es ist schon erstaunlich, auf welche Präsenz es der Führer im deutschen Fernsehen gebracht hat. Dankbarkeit für die Entwicklung dieses Mediums allein kann es nicht sein. Ich bin ein notorischer TV-Zapper. Es gab Zeiten, an denen ich bei diesem channel-hopping fast täglich auf irgendeinen Nazi-Film stieß, dokumentarisch, als reenactment oder fiktiv. Natürlich waren die alle politisch korrekt (oder doch die meisten, - nehme ich jedenfalls an; denn ansehen wollte ich sie mir nicht). Was aber problematisch ist, ist die Tatsache, dass irgendjemand stets das Bedürfnis hatte, seine ganz persönliche Sicht der Nazi-Größen vor uns auszubreiten. Oder jemanden aus dem Umfeld des Führers benutzte, um aus dieser Perspektive dessen Bild neu zu zeichnen, Sekretärin, Friseur, Leibarzt, Hund und weiß ich, wer noch. Damit erhielt die Beschäftigung mit Hitler den Anstrich eines wichtigen aufklärerischen Tuns, als gelte es, allerletzte Zweifel an dessen verbrecherischem Wirken auszuräumen. Das aber hat Hitler glücklicherweise selber schon recht gründlich besorgt.

Was also soll die Lakaien-Perspektive an Erkenntnis noch bringen? Dass Hitler ein charmanter Mensch war? Ist das wichtig, angesichts seines zerstörerischen Wirkens? Nein, aber jeder Versuch, ihn „menschlich“ zu sehen, ist ein Versuch, ihn reinzuwaschen. Und es erklärt „das Böse“ ganz und gar nicht. Das Problem ist nicht Hitler, böse Menschen gibt es immer wieder. Das Problem sind diejenigen, die ihn in den Sattel gehoben haben. Die Deutschen. Die aber wurden bisher meist nur als Opfer gezeichnet.

Dabei liegt der Schlüssel zum Verständnis der Nazi-Herrschaft in der Zustimmung, die diese in breiten Kreisen der Bevölkerung und in allen Schichten fand. Hitler hat sich nicht an die Macht geputscht, hat Deutschland nicht überfallen oder usurpiert. Er hat sich demokratischen Wahlen gestellt und diese gewonnen. Er hat die Macht nicht an sich gerissen, sondern sie mit legalen Mitteln „ergriffen“ – das sollte man ruhig wörtlich nehmen. Man hat sie ihm ja lange genug hingehalten. Erst dann hat er die Schotten dicht gemacht. Die eigentlichen Monster aber sind diejenigen, die das alles mitgetragen haben, die ihn gewollt haben.

Ich bin mir nicht sicher, ob meine Generation (1940+) sich in einer vergleichbaren historischen Situation nicht ähnlich verhalten hätte. Und deshalb war es wichtig und richtig, nach dem Krieg die demokratischen Tugenden zu stärken. Das bedeutet nicht nur, seine „staatsbürgerlichen Pflichten“ zu erfüllen, was man uns in der Schule nahezubringen versucht hat. Dazu gehört auch der zivile Ungehorsam, das Sich-nicht-beugen-lassen. Oder die Ohrfeige, die Beate Klarsfeld 1968 dem damaligen Bundeskanzler Kiesinger verpasste. Ich habe noch recht gut im Ohr, was man zu hören bekam, wenn man allein von seinem Recht auf Meinungsäußerung Gebrauch machte. „Geht doch nach drüben, wenn’s euch hier nicht passt!“ war noch das Geringste.(mit “drüben” war die DDR oder “Zone” gemeint). „Bei Adolf hätte man kurzen Prozess gemacht mit sowas“, gehörte ebenso zum Repertoire der wohlfeilen Sprüche. Auch das ist Gewalt.

Heute eröffnet das Deutsche Historische Museum in Berlin eine Ausstellung, in der eben diese bedingungslose Gefolgschaft der Deutschen thematisiert wird. „Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Verbrechen“. Ich werde sie mir auf jeden Fall ansehen.