Heute habe ich mir die BILD-Zeitung gekauft. Das ist seit dem Tag der Vereinigung der beiden deutschen Staaten nicht mehr vorgekommen. Damals griff ich alles, was ich an veröffentlichtem Wort erhalten konnte, in dem wahnwitzigen Glauben, es später einmal meinen Enkelkindern vorlesen zu sollen.
Doch erstens ließen die auf sich warten und wenn sie doch auf die Bühne des Lebens traten, interessierten sie sich für alles, nur nicht für die kollektive Befindlichkeit der deutschen Nation. Und zum anderen frage ich mich heute mehr denn je, ob dieser Vorgang überhaupt Anlass zur Freude geboten hat. Nun aber folgendes: Am Sonntag, dem 6. Mai 2012 fanden gleich in drei Staaten Wahlen statt die von entscheidender Bedeutung für die Zukunft Europas sein könnten: In Frankreich (Präsident), Griechenland (Parlament, mit Auswirkungen auf die Ökonomie Europas, und in dem deutschen Bundesland Schleswig-Holstein. Hier immerhin durfte man sich Hinweise auf die Entwicklung des Wählerwillens in ganz Deutschland erwarten.
Während man im letzteren Fall zwischen 18 und 20 Uhr mit Hoch- rechnungen vorlieb nehmen musste, war man gegen 22 Uhr nahe dran am atlichen Endebnis. Dazwischen aber gab es wie jeden Sonntagabend den nationalen Krimi, „Tatort“ oder „Polizeiruf 110“.
Wie sehr beide Serien zu nationalen Institutionen geworden sind, konnte ich schon spüren, als ich mich vor rund fünf Jahren für längere Zeit in einem benachbarten Ausland aufhielt. Aus einer nicht ganz rational erklärbaren Anhänglichkeit heraus, schaute ich von Zeit zu Zeit auch mal in die vier, fünf deutschsprachigen Sender hinein, die man dort empfangen konnte. Ich war schon damals fassungslos über die Beschränktheit des TV-Programms, mit dem sich Deutschland einem internationalen Publikum darbot: Talkshows und Krimis. Lektoren renommierter deutscher Sprachschulen setzen sie als Anschauungs- und Lehrmaterial ein, ohne angesichts einer literarisch hochgebildeten Hörerschaft schamrot zu werden. Das also sollte das Kulturland Deutschland sein!
Krimis mit leichtem alibitären Hang zur Sozialkritik, selbstgefälliges komödiantisches Gequatsche, – irgendwie hatte ich Deutschland anders in Erinnerung.
An dem besagten Wahlsonntag wurde offenbar der Moderator der nachfolgenden Wahlsendung etwas zu früh zugeschaltet, der Krimi war gerade erst am enden. Diese simple technische Fehlleistung aber bringt die Redakteure der BILD zur Weißglut, Hasstiraden auf den vermeintlichen Übeltäter schmücken die Seite 1 am Tag danach. BILD griff tief in die Kiste der Demagogik und titelte in Riesenlettern (Typ: „nationaler Notstand“): „Irre Tatort-Panne / Wahlexperte quatscht in Schluss-Szene“.
Er „sprach“ nicht oder „redete“ nicht, nein der Mann „quatschte“, später sogar: „quatschte … rein“. Und wer sich ein wenig nur in der politischen Rhetorik auskennt, wird wissen, dass „in [etwas] [rein-]quatschen so ziemlich das Schlimmste ist, was einem Medienmenschen nachgesagt werden kann: Die Kuh im Porzellanladen. Jener Experte, Jörg Schönenborn (einer der Kompetentesten seiner Zunft), so wird hier mit Hilfe der Sprache suggeriert, sei nicht etwa das Opfer einer Fehlschaltung gewesen (wie sie jeden Tag vorkommt), nein, er habe bewusst und vorsätzlich diesen Zwischenfall herbeigeführt. Er sei es gewesen, der den Krimi und damit seine „über 7 Millionen“ Zuschauer düpiert habe. Ein Wunder fast, dass die Schlagzeile nicht lautete: „Irrer Wahlexperte …“. Aber irgendwie kommt es ja auch so rüber.
Dieser Vorfall, genauer: die sprachliche Art seiner Vermittlung macht deutlich, in welch kultureller Wertordnung wir uns bewegen. An erster Stelle kommt der (fast tägliche) Krimi. Der Rest: Sättigungsbeilage. Vielleicht mit Ausnahme der Abendschau, der ein gewisser amtlicher Verlautbarungscharakter zugestanden wird. Das ist schon keine Heilige Kuh mehr, das ist vielleicht der Himmel selber.
Denn was interessieren Wahlergebnisse, wenn das Opfer eines Verbrechens in seinem Blut liegt und die Kommissarin kurz vor der Aufklärung des Falls steht. So bringt man den Zuschauer, der neunzig Minuten lang intellektuelle Schwerstarbeit verrichtet hat, um den Lohn seiner Mühen. Jedenfalls in Deutschland, denn hier sind die Prioritäten klar gesetzt: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. ? - Brot und Spiele, na gut, - aber wo bleibt das Brot?
PS: Interessant ist, dass so manche Zu- oder Überspitzung sich nur in den Titeln findet, der eigentliche Artikel (so es einen gibt) dagegen brav daher kommt, manchmal sogar mit der Kunst der ausgleichenden Formulierung, so wie man das auf den Journalistenschulen lernt.