Offenbar handelt es sich um einen bestimmten Erzählstil. Der hat sicher auch einen Namen, doch den kenne ich in meiner literaturwissenschaftlichen Unbildung nicht.
Er geht so: Man beginnt die Geschichte von der Mitte her zu erzählen, aber nicht in stringenter Sequenz, eher wie ein Puzzle. Einige Teile passen zusammen, andere nicht. Es bedarf einer starken Fantasie, die vermittelnden, aber leider fehlenden Teile imaginativ zu ergänzen.
Das, was erzählt wird, sind oft nicht Handlungselemente, sondern Reflexionen über solche Handlungselemente. Namen von Personen werden genannt, von denen man erst später, meist in ganz anderem Zusammenhang, erfährt, wer sie sind, welche Rolle sie in der Geschichte spielen.
Das erfordert das Gedächtnis eines Elefanten. Da ich dieses nicht besitze, eher nur über das Gegenteil verfüge, wird die Lektüre zu einem Quergespringe, hin und her zwischen den Zeilen und Absätzen. Wer war noch mal Evelyn Grossman? Was hat sie mit der Geschichte zu tun? Besonders schwer sind auf solche Fragen Antworten zu finden, wenn eine Person auf derart kontextfreie Weise am Anfang der Erzählung eingeführt wird. Dann muss sich das Auge in ein Terrain voll weißer Flecke begeben, in der Hoffnung, irgendwo fündig zu werden, eine Informationsblase anzustechen, die es möglich macht, mit dieser Figur umzugehen.
Schade, dass Kunst so schwer ist, hat mal jemand gestöhnt. Na ja, die Eingangstür zu ihr sollte nicht gerade sperrangelweit offen stehen. Muss man aber gleich zum ultimativen Mittel der Verpuzzelung greifen? Ist Kunst nur noch was für Sudoku-Experten?
Ich sage: Nein. Denn ich ziehe Erzählstrategien vor, die Stein auf Stein schichten, so dass man das Wachsen des Hauses, sprich: des inneren Bildes von den geschilderten Vorgängen, stets kontrollieren kann. Wenn Verpuzzelung, dann sollte sie der Hochliteratur vorbehalten sein, jener Spielart der schöpferischen Fortentwicklung des kollektiven Gedächtnisses, die sich erst nach mehrmaligem Lesen – wenn überhaupt – erschließt.
Die vorliegende Geschichte – „Drei Winter lang“ von Waltraud Schwab in: taz vom 31. März/ 1. April 2012, S.30 ff. – ist aber gar keine Literatur, sondern eine Reportage mit einem sehr spannenden Thema: jüdische Familie, jetzt wohnhaft (welch wundersames Wort! Sein abgründiger Charme erschließt sich allerdings erst in einer Sprache wie dem Deutschen mit Groß-/Kleinschreibung: Gefängnishaft < > gefängnishaft, wohnhaft < > Wohnhaft etc.) in den USA, besucht Berlin, den Ort, wo drei ihrer Mitglieder von einem deutschen Ehepaar zweieinhalb Jahre vor den Nazis versteckt wurden. Das kann man doch runter erzählen, ohne dass es seiner inneren Spannung und Dramatik verlustig ginge. Warum also dieser formalistische Firlefanz, dieser Versuch, die Geschichte zu Hochliteratur zu stilisieren? Es bringt der Geschichte rein gar nichts, im Gegenteil, es führt dazu, dass man sie nach der Hälfte entnervt beiseite legt, weil man nicht mehr durchblickt.
Wir haben nicht gar so viele Narrative, gehen wir mit den uns verbliebenen sorgsam um!
PS: Ach, das ist Postmodernismus? Es gibt sicherlich besser geeignete Stoffe, um sich in dessen Handhabung zu erproben. Denn der Holocaust und die Wenigen, die sich ihm aktiv widersetzten, sind in unterschiedlicher Weise zu singulär, zu einmalig, als dass man ihre jeweilige Geschichte hinter dem formalen Überbau zurücktreten lassen dürfte.