Es ist eigentlich eine zutiefst normale, natürliche Einrichtung. Und dennoch setzt sie mich jedes Mal, wenn ich ihrer gewahr werde, in tiefstes Erstaunen: Die ungeheure Dynamik, mit der sich jede Generation in den Mittelpunkt ihrer Weltsicht rückt. In diesem Weltbild sind die Angehörigen aller vorangehenden und auch der nachfolgenden Generationen bestenfalls Nebendarsteller, wie wichtig sie im Einzelnen auch sein mögen. Sie rangieren deutlich hinter den Gleichaltrigen, den Angehörigen der eigenen Kohorte, auch wenn die nur in lockerer oder gar keiner familiären Verbindung zum Ich stehen. Ja, es entsteht sogar der Eindruck, dass Familienzugehörigkeit auf die Entwicklung des Ich nur einen bescheidenen Einfluss auszuüben vermag. Jedenfalls wird er so wahrgenommen, mag sein, dass er aufgrund seiner subkutanen Wirkungsweise weitaus größer ist. Der Vater kann, als Tyrann, der die Freiheit des Ich einschränkt aufgrund seiner Macht, die ihm als Größerem, physisch Stärkerem zukommt, Objekt des Hasses sein (wie bei Kafka), er mag aber auch Gegenstand verklärender Verehrung sein (wie bei Canetti), immer aber ist er Abgesandter einer fernen, anderen Welt, in die das Ich erst noch hineinwachsen will (und muss), von dem er nur kurze Einblicke erhaschen kann. Er ist Angehöriger einer hermetisch abgeschlossenen Welt und zugleich Bindeglied zu dieser, er vermittelt, teils in homöopathischen Dosen, teils mit brutaler Direktheit deren Regeln und Rituale. Die erschließen sich dem Ich oft nicht substanziell, sondern werden, vermittelt durch die Autorität des Vaters, der Eltern so angenommen (oder auch nicht). Jedenfalls gibt es prinzipiell keinen Verhandlungsspielraum, man frisst sie oder erstickt daran.
Ganz anders dagegen der Umgang mit Angehörigen der eigenen Generation. Natürlich gibt es auch hier Machthierarchien, doch im Prinzip ist alles verhandelbar, es ist nur eine Frage der Durchsetzungsfähigkeit. Die Einbindung in das Netzwerk der Gleichaltrigen ist viel umfassender als in das der durch Generationenhierarchie geprägten familiären Welt. Ich wage nicht zu entscheiden, welche dieser beiden Sozialisationen, die diachrone oder die synchrone, wirkungsmächtiger ist. Bei der Lektüre von Canettis „Die gerettete Zunge“ wurde mir bewusst, wie stark die Rolle der Familie bei seiner Einbindung ins Leben war. Lag das an der jüdischen Großfamilie? Oder war es einfach eine andere Zeit, in der die Kohorte zwar auch wichtig war, doch nicht über die machtvollen Symbole verfügte, die sie heute hat. Die Kinder scheinen heute den Eltern vielfach entglitten, die familiären Gemeinsamkeiten und Rituale finden kaum noch statt, ein Vakuum ist entstanden, das zunehmend durch die horizontalen sozialen Beziehungen gefüllt wird. Die ihrerseits durch den industriell beherrschten Modekonsum geprägt sind. Die Kids eignen sich darüber Kenntnisse, auch gerade im technischen Bereich an, denen die Eltern zu folgen nicht in der Lage sind. So war ich erstaunt, mit welch lässiger Souveränität mein neunjähriger Enkel sich elektronische „Spielzeuge“ erwirbt. Keine Ahnung, ob seine Eltern das überhaupt ermessen können. Er verfügt über ein eigenes Konto, auf das Geldzuwendungen bei persönlichen und familiären Festen eingezahlt wurden, und auf das er selbstverständlichen Zugriff hat. Er verhandelt mit den Verkäufern wie ein alter Profi, genau wissend, was die zu leisten im Stande sind und was nicht. Wenn früher vielleicht das Netzwerk der Gleichaltrigen die Träume und Fantasien des Ich bestimmten, er aber darauf warten musste, bis die Signal- und Weichenstellungen durch die „Alten“ ihm den Zugriff ermöglichten, so scheint er durch deren Versagen (das Sich-Versagen) in seinem Handeln souverän wie noch keine Generation vor ihm. Einst waren die Eltern der Filter zur Welt der Sehnsüchte, heute hat er selber es in der Hand, sich diese Träume zu erfüllen. Und so ist es nur ein kleiner Schritt bis zum Besorgen der Mittel dazu, wenn es an Geld fehlt: vom Abziehen Schwächerer bis hin zum Babystrich.
Die Eltern, die Alten sind ausgeschaltet, aus dem Spiel. Selber Schuld? Zu Recht oder zu Unrecht? Wenn man den Bericht Canettis über seine Jugend liest, wird deutlich, wie viel sich in den einhundert Jahren seither geändert hat. Nicht mehr die Angehörigen der Elterngeneration beherrschen die Welt, sondern anonyme Institutionen, die sich direkt an den jungen Verbraucher wenden