Ich zähle zu einer Bevölkerungsgruppe, die im Begriff ist, historisch erfahrene Diskriminierung abzuschütteln und gesellschaftlich dominant zu werden. Die Alten. Ja, so hießen wir früher einmal. Doch niemand würde es wagen, uns heute ohne vorgehaltene Hand so zu nennen!
Die Art und Weise des Umgangs mit dieser Gruppe schlägt sich in der Tat in ihrer Benennung nieder. Wir lassen hier einmal die frühen Stammesgesellschaften mit ihrem Altenkult (alt = weise) außer Betracht, und schauen uns nur eben den in Europa üblichen Umgang mit nutzlosen Menschen (Typ: Bremer Stadtmusikanten) an. Sich aufs Altenteil zurückziehen war einst gleichbedeutend mit dem Ausscheiden aus dem gesellschaftlichen Leben. Wer solch ein Altenteil vorweisen konnte, war ja noch gut dran. Die anderen wanderten ins Altenheim. Irgendwann wurde dann das Seniorenheim daraus, wohl als man die trotz aller Unterbringungskosten nicht versiegen wollende Kaufkraft jedenfalls eines Teil dieser Gruppe entdeckte. Es war dies zugleich die Epoche der Grauen Panther. Doch die haben sich selber zerfleischt und aufgelöst. Seit einiger Zeit nun ist ein neuer Begriff aufgetaucht, entwickelt wohl von schleimenden Werbefuzzis, die uns Alten an den Sparstrumpf wollen: „65plus“. (Interessant ist hier die Abgrenzung einer Splittergruppe „50 + links“, die durch derartige Zahlentricksereien und Richtungszuweisungen offenbar vermeiden will, dass sie vorschnell in den großen Einheitstopf der Alten geworfen wird. Und doch nicht verhindern kann, dass das gierig noch vor Beginn der Vorstellung im Theater erstandene Glas Rotwein in ihrer Hand bedenklich zittert.)
VBB-Abo „65plus“ heißt auch eine Monatskarte des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg, die Menschen über 65 Jahren demnächst die Möglichkeit geben soll, per Bahn diese beiden Bundesländer preisgünstig zu durchstreifen. Da ich zu der Zielgruppe gehöre, begab ich mich zum nächstgelegenen Kundenzentrum und trug dort brav meine Bitte nach einem „Antragsformular für das Abo 65plus“ vor. Die Dame in Uniform, – ich zögere etwas, „Beamtin“ zu sagen, sind mir doch die aktuellen Statusregelungen nicht so ganz geläufig – , mit dem strengen Zug um die Lippen blickte mich etwas misstrauisch an und sagte dann: „Ach, Sie meinen die Rentnerkarte?“. Ich wandte ein, dass ich mich nur der von ihrer „Firma“ (war dieser Ausdruck ein faux pas?) ausgegebenen Sprachregelung bedient habe, doch sie wischte diesen Hinweis resolut zur Seite und belehrte mich straight: „Wir hier nennen das Rentnerkarte.“ Dann gab sie mir 2 Exemplare des Antrags: „Falls Sie sich verschreiben”, - immerhin vermied sie die Anrede Opa!, - “ nicht im Antrag rumkritzeln. Gleich neu ausfüllen!“ Gesenkten Hauptes begab ich mich heim aufs Altenteil.