● Sollen Sportler bei der Olympiade individuell „stumm“ protestieren? Um
überhaupt etwas zu tun, und nachdem die Politiker sich da eher weniger denn mehr elegant rausgezogen und den Schwarzen Peter weitergereicht haben („Man kann den Lebenstraum eines jeden Sportlers, an den Olympischen Spielen teilzunehmen, nicht zerstören. Aber wenn sie denn selber gern möchten …“), sollen die nun mit geballter Faust die 100 Meter sprinten oder mit gekreuzten Fingern hinter dem Rücken Stabhochsprung machen. Aber wird da nicht den Sportlern nur empfohlen, das eigene Ego zu bedienen? Das Kind ist schon bei der Vergabe der Spiele in den Brunnen gefallen, damals kriegten sich Funktionäre und Sponsoren vor ökonomischer Lüsternheit ja kaum noch ein. Wie also könnte man von denen erwarten, ihre werbemäßige Präsenz einzuschränken oder gar zu opfern?
● Vortrag und Diskussion über das indische Epos Ramayana und seine süd- und
südostasiatischen Versionen. Dazu auch ein deutscher Regisseur, der mit deutschen und indischen Künstlern eine eigene Adaption erarbeitet und aufgeführt hat. Ein eitler Schwätzer, gewiss, aber dann kam aus dem Publikum gegen ihn der Kolonialismus-Vorwurf. Trifft der? Ich habe die Aufführung (noch) nicht gesehen, vielleicht später mehr dazu.
Sollte es nicht Aufgabe solcher kulturübergreifender Kunstprojekte sein, die nationale Verpackung zu durchbrechen, um die Substanz freizulegen? Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass in einer tieferen Schicht alle Kunstwerke die gleichen Themen behandeln. Wenn man also, mit einer anderen Perspektive ausgestattet, so den Kern eines Epos (etwa) freilegt und in Beziehung setzt zu einem themenverwandten Werk des – sagen wir einmal – europäischen Kulturkreises, dann könnte das die heute so häufig beschworene Spannung ergeben.In der Ankündigung der Veranstaltungsreihe Re-Asia wurde die prägende Rolle der asiatischen Kultur auch für die abendländische markant beschworen. Zu Recht, aber warum ist das so verwunderlich? Man braucht sich doch nur einmal eine Landkarte anzusehen, dann fällt es wie Schuppen von den Augen: Zentralasien ist die Drehscheibe des west-östlichen Kulturaustausches / Zivilisationsaustausches. An der Peripherie liegen Japan und Europa, zwei Gebiete, in denen sich das kulturelle Strandgut verdichtet hat und daher höchst intensive Formen und Werke hervorgebracht hat. In den mittleren Gefilden dagegen war der Transfer so stark, dass nicht vieles hat Wurzeln schlagen können. Heute ist dort Wüste, Japan und Europa aber florieren.