Verwundert rieb ich mir die Ohren, später auch die Augen: Unsere Medien versuchten eine Spannung aufzubauen, wie sie sonst nur vor großen Sportereignissen üblich ist. Der neu gewählte und frisch vereidigte Bundespräsident, Joachim Gauck, wird vor dem Bundestag eine programmatische beziehungsweise Grundsatzrede halten.
Ich kann mich nicht erinnern, im Zusammenhang mit der Wahl eines seiner Vorgänger einen ähnlichen Hype erlebt zu haben. Woher auch, hatte meine Generation doch gelernt, der Bundespräsident dürfe zwar reden, habe aber nichts zu sagen. Es fehlt ihm beziehungsweise seinem Amt die politische Kompetenz, das, was er gesagt hat, auch durchzusetzen. Halt wie die Queen, nur nicht adlig. Und auch nicht erblich. Ich hatte den Eindruck, dass der Rummel um Gauck den etablierten Politikern gut in den Kram passte. Guckte ihnen doch kein Mensch auf die Finger, sah niemand näher hin, was sie da eigentlich machten. Es war nicht der GAU, sondern ein Ablenkungsmanöver.
Nun ist er in Polen, bald aber wieder zurück. Dann sind die Flitterwochen alle und er unterschreibt den ganzen Tag Gesetze. Oder auch nicht. Dann sind alle wieder ganz aufgeregt.