Eine Zeitung ist wie ein Puzzle. Sie zerschlägt erst die Ganzheit des Lebens in Detailereignisse und überlässt es dann dem Leser, sie wieder zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Das schöne an einem Zeitungs-Puzzle ist, dass es nicht nur eine vorbestimmte Lösung gibt, sondern der Leser es in der Hand hat, Fäden zu ziehen, Zusammenhänge herzustellen. Es hängt nicht nur von seiner Findigkeit ab, was er findet, sondern auch von seinem Problembewusstsein.

Ein schönes Beispiel fand ich heute: Der türkische Ministerpräsident Erdogan hat anlässlich eines Deutschlandbesuchs in Düsseldorf vor Landsleuten eine Rede gehalten. Darin forderte er sie auf, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Das hört man in Deutschland gern. Zugleich aber warnte er sie vor der Assimilation: „[…] niemand wird in der Lage sein, uns von unseren Traditionen zu trennen.“

Recht hat er. Zu Heines Zeiten hat man die Juden in Deutschland aufgefordert, sich zu assimilieren. Viele haben es getan und dachten, nun könne ihnen nichts mehr passieren, sie seien ja Deutsche, zumindest würden sie so wirken. Doch dann kam Hitler und sprach ihnen die Fähigkeit ab, sich zu assimilieren. Diese Unfähigkeit sei „rassisch“ angelegt, da könne man nichts machen. Heute würde man sagen „ethnisch“, was aber auf dasselbe hinausläuft. Also schickte er sie in die Gaskammern. Was also hatten sie von der Assimilation?

Halten wir einmal zugute, dass niemand in Deutschland heute die Türken umbringen will. Aber das Verlangen, sich zu assimilieren bedeutet doch, sie aufzufordern, ihre Identität aufzugeben und gegen die deutsche „Leitkultur“ einzutauschen. Ist das nicht auch ein Tod, ein mentaler oder psychischer Tod?

Zankapfel Nummer Eins ist die Sprache. Erdogan riet seinen Landsleuten: „Alle sollen Deutsch lernen, aber zuerst sollen sie sehr gut Türkisch lernen.“ Sofort hackte Westerwelle los: „Kinder, die in Deutschland groß werden, müssten zu allererst Deutsch lernen.“ Was er nicht sagt: Das gilt nicht für Kinder amerikanischer, japanischer oder kanadischer Eltern. Schließlich können hier ja alle Englisch oder wenigstens Japanisch.

Wieso kommt Westerwelle eigentlich auf solche Gedanken, dachte ich und rief mir meine eigene Zeit mit Familie in Japan ins Gedächtnis. Haben die Kinder zuerst Japanisch gelernt? Sie haben es gelernt, aber als Zweitsprache. Mutter- und Vatersprache war Deutsch. Das wurde auch in der Familie gesprochen, selbst wenn die Kinder beim gemeinsamen Spiel miteinander Japanisch bevorzugten. Ich kann nicht sehen, dass ihnen das etwas geschadet hätte. Wenn man drei Jahre alt ist, ist man noch nicht weit in der Welt herumgekommen und kann sich nur in seiner Erstsprache verständigen. Westerwelle hat ja wohl auch nicht von Anbeginn an Hochdeutsch gesprochen.

Ich denke, dass die Debatte so zäh und unerfreulich ist, liegt zu einem Gutteil daran, dass den Diskutanten die eigene Erfahrung eines längeren beruflich bedingten Auslandsaufenthalts fehlt. Nehmen wir einmal an, Westerwelle hätte Familie, Frau (meinetwegen auch Mann) mit Kindern. Und er wäre nicht deutscher Außenminister, sondern von der Friedrich-Naumann-Stiftung in ein arabisches Land entsandt. Und dort lebt er nicht in einer schicken Hauptstadt, sondern in irgend einem Provinznest. Dort nun zwängen ihn die Araber, seine Kinder in eine arabische Schule zu schicken. Würde da nicht der amtierende deutsche Außenminister empört aufschreien? Und schlimmer noch: Arabische Politiker verlangten von den dort lebenden ausländischen Familien, dass deren Kinder zu allererst die Landessprache, also den jeweiligen arabischen Dialekt zu lernen hätten. Die Hölle wäre los in Deutschland! Die Aussetzung der Wehrpflicht in Deutschland würde sofort ausgesetzt werden, alle übten sich in Drohgebärden, das Verbot von Schweinefleisch würde als Kulturimperialismus gebrandmarkt.

Gehen Deutsche ins Ausland, dann meist in Positionen, wo eine Integration in die einheimische Bevölkerung ohnehin nicht angesagt ist. Es würde jedem Deutschen als normal und natürlich einleuchten, wenn die Kinder mit ihren Eltern in der gemeinsamen, der Erstsprache kommunizieren. Wie gesagt: Diese Erfahrung aber fehlt den Wortführern der Debatte und deshalb kommen sie auf derart abstruse Ideen, wie die Zweitsprache zur Erstsprache zu machen.

Fremde (meinetwegen auch Migranten) stellen eine Bereicherung für das Einwanderungsland dar. Vorausgesetzt, man kastriert sie nicht kulturell, sondern lässt ihnen ihr spezifisches Profil. So wie Erdogan es sagt: Keine Assimilation, aber Integration. Das geht, ich habe es selber erlebt.

In solche Gedanken verwoben lese ich die Zeitung weiter (aufgemerkt: Wir sind beim Thema: Zeitung als Puzzle!) Einige Seiten später folgt ein Kommentar (von Daniel Bax). Er interpretiert den Vorgang als Teil des innertürkischen Wahlkampfes, es gehe eher um Politik als um Identität. Passt nicht so ganz als Puzzle-Teil.

Doch nur wenig weiter werde ich fündig, ein Anschlussteil findet sich in den alltäglichen TV-Empfehlungen: Eine deutsche Familie will nicht von Hartz IV leben und ist nach Frankreich gegangen. „Dort baut Vater Markus Zäune und Mutter Barbara putzt. Die beiden Töchter versuchen, an der Schule Anschluss zu finden.“ (Zitat taz) Die ältere der Töchter wird Klassenbeste und erhält eine Empfehlung für die internationale Schule.

Auch Deutsche sind also integrationsfähig, das beruhigt mich. Dennoch behaupte ich, dass Frankreich noch einmal etwas anderes ist. Dorthin auszuwandern gilt irgendwie als Aufstieg. Ob es wohl auch Familien gibt, die auf der Flucht vor Hartz IV nach Bulgarien gehen?