Neues von Brasil 2014 (6)

In Japan gibt es eine Anime-Kultfigur, die alle Kinderherzen höher schlagen lässt: Doraemon ist eine Roboterkatze, die sich einst aus der Zukunft des ausklingenden 21. Jahrhunderts auf mysteriöse Weise in die Jetztzeit (zurück) verirrt hatte. Sie fand Asyl – Roboterkatzen erhalten in Japan Asyl, menschliche Flüchtlinge eher nicht – und schlüpfte in einer Kleinfamilie mit einem etwa zehnjährigen, unsäglich verwöhnten Knaben unter.

Dieser suchte den Herausforderungen des Lebens (in der Regel war das die Schule) dadurch gerecht zu werden, dass er sich nicht selber um eine Lösung bemühte, sondern seinem elektronischen Freund permanent mir dergleichen Ansinnen in den Ohren lag. Denn der Knabe hatte sehr bald mitbekommen, dass der intelligente Alien nicht nur fast alles kannte und wusste, sondern auch die erforderlichen Werkzeuge, mit deren Hilfe man Problemlösungen aller Art bewerkstelligen konnte, in einem Brustbeutel von unermesslicher Tiefe bei sich trug.

Nicht selten hatten diese tools die Konsistenz von Spray, wodurch etwa die Rede seines Besitzers und Anwenders eine andere, höhere Art von Überzeugungskraft gewann. Und damit wär ich bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien im Jahr 2014. Bei der Übertragung des Eröffnungsspiels wurde ich Augenzeuge zweier sensationeller Neuerungen: Wenn der Ball sich der Torlinie näherte, zeichnet der Rechner akkurat seine Flugbahn, exakter als das menschliche Auge bzw. die Hand diese nachzuvollziehen in der Lage wäre. Damit der tief gründende Reiz dieser Leibesübung, nämlich die Ungewissheit jedweder Entscheidung, gleichwohl bewahrt werden könne und somit ein wesentliches Exzerzierfeld menschlicher Diskussionskultur erhalten bliebe, wurden noch einige Bedingungen an den Einsatz der elektronischen Rettungswerkzeuge geknüpft. Da uns das aber zu weit vom Thema fortführen würde, lassen wir sie der Einfachheit halber weg,

Wie oben gesagt, hat man in der SF-Anime-Welt Japans mit Spray bei der Verdinglichung an sich flüchtiger Sachverhalte ziemlich gute Erfahrungen gemacht. Das hat man auch bei der FIFA erkannt und will nunmehr den Spielern nicht mehr zumuten, sich eine gedachte Linie vorzustellen. Groß war dennoch das Erstaunen, als der japansche (!) Schiedsrichter bei einem Freistoß eine kleine Flasche aus der Tasche zog, um die Grenze weiß auf grün zu markieren, die die Spieler bei der nachfolgenden Aktion auf keinen Fall überschreiten dürfen. Das war nicht nur für Spieler und Zuschauer eine Mordsgaudi. Es dürfte wohl auch ein riesiges Versicherungsgeschäft werden. Man stelle sich nur einmal vor, diese individuell angefertigten, handkolorierten Schuhe der Stars nähmen Schaden! (Oder muss es heißen Schäden? S. Die Future der Zukünfte

Nachdem das erste Erstaunen abgeebbt ist, stellt sich gleich die Frage nach weiteren Anwendungen. Schließlich müssen sich die Investition in das Spray doch amortisieren. Mir fielen spontan ein: – Kreis um den Torwart, der diesen nicht eher verlassen darf, bis der Strafstoß ausgeführt ist, – Lassowurf um einen mit dem Ball abziehenden Spieler, der im Abseits gestanden war, – Denkbar wäre auch, anstelle des theatralischen Ziehens der gelben und roten Karte(n) Kreise in den relevanten Farben auf die Sportkleidung aufzusprayen – Achtung: Waschmittel resistente Farben verwenden! – Schließlich hätte der mnemotechnisch oft überforderte Schiri die Möglichkeit, Notizen auf den Rasen zu sprayen, etwa Spielstand, Namen der Torschützen etc,