Am Holocaust Gedenktag, dem 27.1.2012, 67 Jahre nachdem das KZ Auschwitz von Truppen der Roten Armee befreit wurde, findet sich die folgende Meldung (sie stammt von der dpa) in der taz:

In Argentinien hat ein Comicstreifen für Empörung gesorgt. Der Cartoon in einer Beilage der Zeitung Página 12 zeigt einen Discjockey, der in einem Konzentrationslager Musik auflegt und die Häftlinge zum Tanzen animiert. „Kommt, vergnügt euch, denn das Leben ist kurz“, fordert eine Hitler ähnelnde Figur in einer Zeichnung. Die Zeitung entschuldigte sich nach der Kritik, die auch von der jüdischen Vereinigung Argentiniens (DAIA) laut wurde.

Mal abgesehen von dem unzeitgemäßen Setting Konzentrationslager – Discjockey: Worüber empört man sich eigentlich? Darüber etwa, dass im Ghetto mit dem Entsetzen Scherz getrieben wurde? Ja, war es denn nicht so? Wir haben doch Zeitzeugen, schauen wir doch in ihre Zeugnisse hinein: Szpilman, Reich-Ranicki etwa, beide selber Teil des Versuchs, das von der Verkürzung bedrohte Leben zumindest zu intensivieren. Sehen wir uns doch die Belege von den kulturellen Aktivitäten im Warschauer Ghetto an, von Konzerten und Dichterlesungen, vom Judenratorganisiert auf Geheiß der Deutschen. Und dann der legendäre „Ale glach“-Rubinstein, der mit dem sarkastischen Humor seiner Lieder den Eingesperrten im Ghetto ein letztes Lächeln abtrotzte. Das wollten sie doch, die „Hitleristen“ (hitlerowcy wie man die Nazis in Polen nennt): Die Juden sollten tanzend und singend in den Tod ziehen.

Dann brauchten sie, die Mörder, ja kein schlechtes Gewissen zu haben. Ohnehin suchten sie ihr mörderisches Tun hinter einer bürokratischen Fassade zu verbergen. Wenn es nun gelänge, diese auch noch kulturell zu verbrämen? Da konnten ihnen die Juden ruhig mal ein bisschen entgegenkommen. Und zum allgemeinen Wohlgefühl beitragen.

Ist das „fragwürdig“? Nein, das ist obszön. Aber genau diese Obszönität gilt es sichtbar zu machen. So wie Edgar Hilsenrath in seinem Roman „Die Nacht“ die eigentliche Perfidie der Nazis aufgedeckt hat: Den Juden in eine Lage zu treiben, wo er bereit war, selbst seinen Bruder umzubringen, um zu überleben. Oder zumindest ein wenig länger zu leben.

Nicht der Humor der argentinischen Zeitung also ist fragwürdig, sondern eine Kritik, die uns eine andere Wirklichkeit vorgaukeln will. Die Nazis aber als nur böse zu zeichnen bedeutet, ihre Bösartigkeit zu verharmlosen, sie zu unterschätzen.