Als ich um die Ecke bog, stand der Bus an der Haltestelle. Immer noch, denn sein wuchtiges Kommen und schweres Abbremsen hatte ich schon vor einer ganzen Weile gehört. Ich rechnete damit, dass er in dem Moment, da ich auftauche, losfahren würde. Das wäre artgerecht. Ich verzichtete also darauf, ihm entgegen zu hüpfen, würde ich bei dem ungleichen Duell eh den Kürzeren ziehen.

Doch der Bus fuhr nicht los, die Tür blieb offen. Misstrauisch näherte ich mich – nichts. Vielleicht wieder einmal ein Fahrer mit Migrations- hintergrund, der weiß was es bedeutet, zu spät zu kommen? Auch nicht, ein stinknormaler Berliner saß am Steuer.

Doch was machte der da? Er packte seelenruhig seine Siebensachen in die Aktentasche, stellte die dann beiseite, um noch einige Verschönerungen an sich vorzunehmen. Dazu gibt es in jedem Bus einen Spiegel gegenüber dem Fahrersitz. Der Grund? Nun, man ahnt ihn: Zwei Haltestellen weiter ist auf dieser Linie Fahrerwechsel, dann hat unserer Rosselenker erst mal Pause, wenn nicht gar Feierabend.

Ich war nun drin, auch er war abfahrbereit (mein beim Einsteigen gemur- meltes „Dankeschön“ hatte ihn nicht weiter abgelenkt), los ging’s, oder sollte es gehen. Denn da war noch eine Kleinigkeit. Er nimmt seine Brille ab (keine Sonnenbrille!) und verstaute sie ebenfalls in der Aktentasche.

Moment mal! Wenn er die Brille zum Fahren braucht, fährt er jetzt, auf den letzten beiden Teilstücken „blind“. Braucht er sie nicht, frage ich mich, was er wohl auf der bisherigen Fahrt damit betrachtet hat. Es zieht mir kalt den Rücken hinab.

Wir kommen heil an, der Kollege wartet schon und übernimmt. Der Abgelöste geht beschwingt, nicht ohne dem Nachfolger mitzuteilen, dass er erst mal „für kleine Mädchen“ müsse. Na klar! Da braucht man ja auch keine Brille!