In Zeiten, da das Essenbereiten zu Hause als Belastung, ja Zu- mutung empfunden wird, verlagert sich die Nahrungsaufnahme zunehmend auf die Straße. Wenn dieser Trend sich mit den Inte- ressen der Nahrungsmittelindustrie trifft, ihre Produkte lieber von wohlhabenden Weissen verzehren zu lassen (wegen der höheren Gewinnmarge), als sie armen Negern zu Hungerpreisen in den Rachen zu werfen, geht es der Wirtschaft gut, die Rendite wächst.

Wenn man zu Hause kocht, gilt es zu planen, Zutaten zu beschaffen, sie zuzubereiten, das Ganze dann als Performance zu gestalten, um schließlich die backstage-Arbeit zu verrichten: aufräumen und abwaschen. Angesichts des riesigen Aufwands geht man schon mal zum Imbiss. isst dort oder trägt das eingewickelte Fast Food nach Hause, um es dort in einem Nachklang von Kultur zu verspeisen. Diese neue Esskultur hat es mit sich gebracht, dass die Zahl der Fast Food Futterstellen rasant angewachsen ist.

Neben den uralten Würstchenbuden und Currywurst-Imbissen sind dann seit Beginn der 1980-er Jahre kleine Geschäfte hinzugekommen, die es gern etwas niveauvoller angegangen wären, aber nicht so recht wussten, wie? Ihre Speisekarten passen auf einen Bierdeckel. Etwa die Spaghettiküchen, die Pasta mit verschiedenen Saucen anbieten, eine einfallsloser als die andere. Da aber ihre Klientel meist kein allzu differenziertes Gewicht auf Qualität und Geschmack legte, vielmehr den Sättigungsbeilagen den Vorzug gab, boxten die sich über den Preis nach oben. Vor der Tür stehen oft vollmundige Angebotstafeln, auf denen es heisst „Alle Spaghetti für 2 €“ oder (s. Foto) „Alle Gerichte nur 4,9

Das konnte ich mir nicht entgehen lassen. Ging also rein und bestellte: „Alle Pasta, bitte!“

Der junge Mann sah mich überrascht an: „Ja, welche denn?“ Ich: „Na, alle!“

So ging es eine Weile ergebnisoffen hin und her. Eine Einigung war auf Grund mangelnden Verständnisses für die andere Seite wie überhaupt fehlenden Problembewusstseins nicht zu erwarten.


Ich wohne in einer eher (gut)bürgerlichen Gegend. Dennoch haben es die schicken Läden nicht geschafft, hier wirklich Fuß zu fassen. Eine Grundausstattung gibt es, Supermärkte, Apothe- ken, Tankstellen etwa, doch der Rest sind Existenzgründung-s- versuche auf Abruf: Änderungsschneidereien, Wettbüros, Knei- pen mit häufig wechselnden Schildern, Blumenläden und Fin- gernagel-Studios. Es ist interessant zu beobachten, wie diese eher labile Struktur Basis einer durchaus stabilen ökonomischen Parzelle werden kann. Dies erinnert mich an die Geschichte von der Maus, die in einen Milchkrug fällt und darin so lange strampelt, bis aus der Milch Butter geworden ist. Die Geschichte erzählt nur von der erfolgreichen Pionier-Maus, nicht aber von den vielen zuvor, die in der Milch ertrunken sind.Wichtig ist die “Pionier-Maus“, der erste Laden, der sich erfolgreich auf Dauer etablieren kann.

Wenn dann die großen Supermarktketten ihre Filialen hinklot- zen, haben auch die Kleinhändler ausgesorgt. Dann geht plötzlich alles. Das ganze Konglomerat wird am Ende von den Filialen der Bio-Ketten geadelt. Irgendwann kommen auch Gastronomiebetriebe hinzu, aber die scheinen einen eigenen Trakt zu haben.

Wir haben jetzt einen Bio-Markt. Alles nette, gebildete (zumindest aufgeklärte) junge Leute, die dort arbeiten und die ihre Begeisterung für die Rettung der Welt gern auch in den Dienst der Verbraucher stellen. Heute kaufte ich dort ein paar Brötchen und wollte grad gehen, da fiel mir das mit Kreide geschriebene Tagesangebot ins Auge. Ich sah die Überschrift „Von unserer Fleischteke“. Als ich mich umdrehte und die Verkäuferin, die mich gerade bedient hatte, von dem ortho- graphischen Missgriff in Kenntnis setzte, zuckte die nur mit den Schultern, als wolle sie sagen: Ist doch egal.

Ist es egal? Oder geht ein Stück unserer Kultur verloren? das Abendland unter? der Mond auf? Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Aber ich fühle mich an der -theke wohler.