Ich habe mir aus einem hier nicht näher zu erörternden Grund ein Smartphone gekauft, also ein Handy, dass letztlich auch ohne Präsenz von dessen Besitzer (oder gerade dann) intelligent zu telefonieren vermag, weil es im Laufe der Zeit genau gelernt hat, was sein Herr- oder Frauchen eigentlich sagen würde oder zu sagen hätte.
Musterbeispiel ist der Hinweis bei Buchversandhändlern: „Kunden, die das Buch gekauft haben, das Sie gerade gekauft haben werden, haben auch dieses und jenes gekauft.“ So wurde mir während der Suche nach einer antiquarischen Ausgabe von Goethes: „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ auch angeboten: „Vorbereitungen auf den Erwerb des Meisterbriefs.“
Ich habe mich immer über die kleinen grünen Männchen im Computer lustig gemacht, die „Brause“ in „Busen“ verwandelten und ähnlichen Unfug trieben. Doch jetzt fange ich an, die Kerlchen mit Respekt zu betrachten. Sie helfen nicht nur meinem etwas verlotterten orthographischen Gedächtnis auf die Beine und wissen bereits nach dem ersten oder spätestens zweien Buchstaben, was ich schreiben will.
Das ist, sprach- oder besser: schriftwissenschaftlich betrachtet, eigentlich ein Rückschritt, denn wir haben gelernt, dass die Evolution der Schrift von dem Begriffszeichen, Typ „Hieroglyphe“ in Richtung Lautzeichen,Typ: „Buchstabe“ , verlaufen ist und zwar weltweit. Weltweit? Nein, denn in einem kleinen gallischen Dort, eh, tschuldigung: in einem großen und mächtigen Land zwischen Nordsee und Pazifik hielt ein aufrechtes Volk an der Begriffsschrift hartnäckig fest, nämlich die Chinesen.
Und warum? Nun, die hatten bereits vor mehr als 5.000 Jahren die Vorteile der Begriffsschrift klar erkannt. Die da lauten: wenn du nicht weißt, wie man ein Wort schreibt, dann musst du es so schreiben, dass es auch jemand spontan verstehen kann, der ebenfalls nicht weiß, wie man es lautgerecht schreibt.
Ein Beispiel. Ich sehe, wie sich eine Schlange meinem Gesprächspartner in unguter Absicht nähert und will ihn warnen. Weiß aber nicht wie man Schlange schreibt. Also male ich rasch ein Abbild der Schlange auf ein Blatt Papier und sofort weiß der Andere Bescheid. Ich hätte ihm auch zurufen können „Schlange!“ Doch was, wenn er meine Sprache gar nicht versteht?
Von Vorteil für eine erfolgreiche Kommunikation wäre es allerdings, wenn die Schlangen nicht zu den sehr schnellen Arten gehört.
Vor eben dieser Situation sahen sich tagaus tagein Millionen Chinesen, Bewohner eines Vielvölkerstaats die zwar alle wussten, wie eine Schlange aussieht, aber nicht, wie sie in den einzelnen dort gesprochenen Regionalsprachen genannt wird. Also vermieden sie es, aus ihrer Schrift, die Schlangen bildhaft erkennen lässt, eine Laut- oder Buchstabenschrift zu entwickeln, die uns lautlich mitteilt, um was es geht. Denn was nützt es uns, wenn wir die Lautung kennen, nicht aber die Bedeutung. Besser ist umgekehrt.
Es hat in China hervorragend funktioniert. Und die Europäer haben erst heute erkannt, dass sie akkurat das gleiche Problem haben, es aber nicht bemerken konnten, weil sie ständig Kriege miteinander führten. Und da war es ja wichtig, dass der Gegner sie nicht versteht.
Auf diesem Hintergrund ist der Siegeszug des Smartphones und ihres Eingabesystems zu verstehen. Man muss nicht mehr das ganze Wort Buchstabe für Buchstabe eingeben, das Kerlchen riecht vielmehr den Braten und bietet in Frage kommende Wörter von sich aus an. Man springt also nach den ersten zwei, drei Buchstaben bereits auf die Ebene des Lexikons. Und das beschleunigt den Eingabeprozess erheblich. Bequem ist das allemal, auch wenn ich hier und jetzt nicht darüber nachdenken will, was das für die Zukunft der Rechtschreibung zu bedeuten hat.
Wenn man jetzt noch einen Schritt weiter geht und die Lexikoneinträge nicht mehr phonologisch (also durch einzelne Buchstaben) repräsentiert, sondern für jedes Wort oder, wie es faktisch im Chinesischen der Fall ist, für jedes Morphem ein graphischen Symbol (Schriftzeichen) verwendet, wären wir im Prinzip wieder beim chinesischen Schriftsystem angelangt. Auf diesem Weg ließe sich der Vereinfachungsprozess noch weiter steigern. Denn es ist durchaus denkbar, dass in der auf Begriffe bezogenen chinesischen Schrift ein Potenzial liegt, das bei der Lösung zahlreicher Kommunikationsprobleme weiterhelfen kann.