Wenn einem heute beim Shoppen, dem zum Event hochstilisierten Einkaufen, mal das Geld ausgeht, ist das kein Grund zum Resignieren: Man holt sich einfach neues aus dem Geldautomaten. Dass dies ein höchst delikater Vorgang ist mit Ähnlichkeiten zum Anwerfen der Notenbankpresse auf staatlicher Ebene, darauf ist immer wieder hingewiesen worden. Die steigende Zahl von Privatinsolvenzen belegt dies.
Während man also auf den persönlichen Sündenfall wartet, ist Zeit, das Ambiente zu studieren. Heute fiel mir ein Poster der Bank auf, die die Automaten aufgestellt hat. Drei Personen stehen beieinander, hinter ihnen weitet sich der Blick zu einer Industrielandschaft. Die erste Person (von links) hat die Fünfzig schon überschritten, wirkt aber topfit, kein bisschen ausgebrannt. Sakko und Krawatte. Neben ihm eine deutlich jüngere Frau, jedoch nicht jung genug, um sagen zu können, es handele sich um seine Freundin, Altersunterschied etwa 15-20 Jahre. Dann noch ein Mann (im Halbprofil), der Bauzeichnungen und andere Unterlagen im Arm trägt. Die Rollenverteilung scheint also eindeutig: Erfolgreicher Unternehmer, dessen Erfolg bis in den privaten Bereich hinein ausstrahlt (Paarungserfolg), bespricht mir seinem Architekten ein wohl eher privates Neubau-Projekt, bei dem auch die Frau Gemahlin ein Wort mitzureden hat.
Doch der Text dazu schüttet Essig in den Wein der Eindeutigkeit: „Ich weiß, was ich will. Und dazu habe ich die passende Bank an meiner Seite.“
Spätestens jetzt stellt sich die Frage: Wo ist die Bank?
Und im Anschluss daran: Wer ist die Bank?
Schließlich: Wer ist ICH?
Selbst wenn wir uns einig sind, in ICH den links stehenden Mittfünfziger auf dem Gipfel seines Erfolgs zu sehen – bleibt die Bank. „Die […] Bank an meiner Seite“. Das kann dann nur die jugendfrische Frau sein. Denn die andere Seite ist leer. Oder umgekehrt? ICH, die erfolgreiche Unternehmerin, der Mann links von ihr repräsentiert die Bank? Wie auch immer: Sind wir schon so weit, dass unser gutes altes Rollenbild selbst in den Banken auf den Kopf gestellt wird?“
PS: Vielleicht ist ja der Dokumententräger der Schwiegervater. Dann braucht niemand sein Welt-/Feindbild aufzugeben. Das macht vieles einfacher.