PID steht für Präimplantationsdiagnostik. Mit ihrer Hilfe soll bei einer in-vitro-Befruchtung vor der Implantation festgestellt werden, ob genetische Anomalien vorliegen. Die einen sehen darin den Einstieg in die Herstellung von „Designer-Babys“, eine Hilfsdiagnostik beim Klonen von Lebewesen, die anderen weisen auf die unerträgliche Belastung der Eltern durch ein genetisch „defektes“ Kind hin. Die Evolution ist in vollem Gange. Noch vor wenigen Jahrhunderten hat die Natur gnadenlos Embryonen aussortiert, die keine Lebensperspektive haben. Die hohen Geburtenraten der Frauen noch im 19. Jahrhundert wurden relativiert durch die hohe Mortalität, die den Anteil der überlebensfähigen Kinder auf etwa 50% drückte. Diesen Selektions- mechanismus war der Mensch bereit zu akzeptieren, ihn als „Gottes Willen” zu verstehen.

Der medizinische Fortschritt hat nicht nur die Lebenserwartung der Menschen (vor allem in den wohlhabenden Ländern) steigen lassen, er hat auch, mit einiger Verspätung, die Lebenschancen Ungeborener und kleiner Kinder verbessert. Inzwischen überlässt man es nicht mehr der Natur, ihr Erbe zu verwalten. Die Selektion ist in die Hände des Menschen übergegangen. Damit aber hat sich der Mensch an die Stelle der Natur gesetzt, wurde „Gott“. Dass er das kann, steht außer Frage. Aber darf er das auch?

Die Evolution 2.0 zeugt nicht nur von einem tiefen Misstrauen gegenüber der Schöpfung, sie setzt auch den Menschen als deren Verwalter ein. Es tritt also eine Konstellation ein, in der der Mensch zugleich Täter und Richter ist. Das aber ist nach rechtsstaatlichen Grundsätzen nicht akzeptabel. Andererseits: Wer, wenn nicht der Mensch, sollte richtende Instanz sein? Wollen wir Gott wieder einsetzen? Passt er überhaupt noch in das Zeitalter der Demokratie? Ist es nicht vielmehr dieser angemessen, wenn unter der Herrschaft des Volkes der Mensch zum obersten Richter wird, er seine Geschicke also selber lenkt?

Gott war in der Vergangenheit eine Denkfigur, die die Machtlosigkeit des Menschen kompensieren sollte. Doch dieser Gott wurde von der Clique der Kirchenfürsten (klingt fast so pervers wie „Gotteskrieger“) manipuliert, für den Erhalt der eigenen Macht missbraucht. In seinem Namen wurden Andersgläubige umgebracht.

Als dann die Menschen, das Volk selber die Macht übernahm, wäre die Abschaffung Gottes ein naheliegender Schritt gewesen. Dass Gott diesen Machtwechsel überlebte, verdankte er allein der Tatsache, dass mit der Volksherrschaft keineswegs das Unrecht aus der Welt verschwand. Und so wurde aus der Kirche der Mächtigen tendenziell eine Kirche der Unterprivilegierten.

Dass diese Kirche der Unterprivilegierten die Interessen der Ungeborenen, gleich ob mit oder ohne „genetische Anomalien“, wahrnimmt, scheint mit eine naheliegende Entwicklung zu sein.Und übrigens: PID bedeutet einen weiteren Schritt auf dem Weg zur Trennung von Sexualität und Fortpflanzung.