Beim Zeitungslesen stolperte ich kürzlich über den Ausdruck „europäischer Faschismus“: Er wurde dort wie selbstverständlich gebraucht, so als wisse jeder, was gemeint sei. Ich aber musste mir da schon einiges zurechtlegen. Da fiel mir ein Ausspruch von Döblin ein, den dieser im Hinblick auf die Machtverhältnisse in zahlreichen europäischen Staaten nach Ende des Ersten Weltkriegs getan hatte, sinngemäß: Die zahlreichen kleinen Diktatoren in den europäischen Ländern und vor allen den neu erstandenen, deren Namen man nicht einmal kennt. (Alfred Döblin: Reise in Polen, 1925)

Dieser Faschismus vor allem der neo-republikanischen Staaten könnte eine Übergangserscheinung von der Herrschaft der Aristokratie hin zur Demokratie gewesen sein. Militärjuntas, oft getragen von paramilitärischen Massen-Organisationen, traten an die Stelle der aristokratischen Textur in einer Situation, in der das Volk noch nicht reif für die Herrschaft schien. Schließlich hatte es die ja nicht selber errungen (anders als in Frankreich etwa). Die angeblichen Interessenwahrer des Volks sind Militärdiktatoren, die nun den Platz des Königs, des Kaisers einnehmen, um als (strenge) Vaterfigur das Volk zu dessen Glück zu führen.

Diese Übergangsphase ist mit dem Zweiten Weltkrieg mehr oder weniger beendet. Nachklänge? Welche Rolle etwa spielen Rechtspopulisten (wie sie heute gern genannt werden) und deren nationalistische Organisationen? Haben sie eine Chance, die Herrschaft zu ergreifen, da doch das Volk sich nun seiner eigenen Stellung als Souverän bewusst geworden ist?