Wir wollten das Osterwochenende nutzen, die Erinnerung an die Weite des Horizonts aufzufrischen. Was lag da näher als eine Fahrt mit dem Wochenendticket der DB?

Die erste Ernüchterung erfolgte beim Kauf des Tickets. Am Ostermontag gelte das Ticket selbstverständlich nicht, erfuhren wir. Wäre ja noch schöner, den Zweiten Feiertag für eine Schnäppchenjagd zu missbrauchen. Aber das steckten wir locker weg, ein Tag hin, den nächsten wieder zurück, dazwischen blieben ja durchaus einige satte Stunden, uns die benachbarte Provinz anzusehen. Länger hätten wir es ja ohnehin nicht ausgehalten.

Es sollte nach Görlitz gehen, das ja fast zur Kulturhauptstadt Europas geworden wäre. Den Reiseplan zimmerten wir uns mit Hilfe des Internet. Der nächste Wermutstropfen: In Vetschau, eine oder zwei Stationen vor dem Endhalt Cottbus, wollte die Regionalbahn nicht mehr weiter, sondern bot uns SEV – Schienenersatzverkehr – an. Was ja an sich nichts Schlimmes ist. Wenn nicht dadurch der Anschluss nach Görlitz flöten gegangen wäre. Das bedeutete eine Stunde Mehraufenthalt in Cottbus, eine Stunde länger unterwegs. Vier Stunden bis Görlitz – unsere Mienen wurden deutlich länger. Wir beschlossen dennoch, den Trip zu wagen, in der Annahme, DB und Lausitzbahn würden sich schon etwas einfallen lassen, um ihre Kunden nicht eine Reisezeitverlängerung um glatte 60% zuzumuten. Am Samstag früh ging es los. Mit der S-Bahn nach Friedrichstrasse, von dort sollte es mit der Regionalbahn weiter nach Vetschau gehen. Doch der erste Schock ließ nicht lange auf sich warten. Der Zug war weder nach Vetschau noch gar nach Cottbus ausgeschildert, sondern nach Berlin Ostbahnhof. Ich beruhigte meine Begleiterin, zu oft hatte ich doch falsche Richtungsangaben an Zügen, aber auch auf Bahnhöfen erlebt. Eine kleine Nachlässigkeit, wie sie halt mal vorkommt. Die aber auf Schlamperei im Großen schließen lasse.

Doch weit gefehlt. Kurz vor dem Einrauschen des Zuges bestätigte die Lautsprecherdurchsage den neuen Endbahnhof. Die Reisenden wurden auf die S-Bahn verwiesen, mit der sie doch bitte nach Lichtenberg fahren sollten, wo sie die RB nach Cottbus / Vetschau erreichen würden. Zumindest würde man den Zug ja so takten, dass wir Anschluss hätte, tröstete ich erneut.

Die RB erreichten wir dann auch in Lichtenberg, denn erfreulicherweise hatte die DB fast eine Stunde Aufenthalt auf dem schnuckligen Bahnhof eingeplant. Zusammen mit weiteren gestrandeten Fahrgästen machten wir uns auf die Suche nach dem Abfahrtsgleis des Zuges, denn angeschlagen war dieser nicht. Auch kein – notfalls handgeschriebener – Hinweis auf dem Ankunftsbahnsteig der S-Bahn gab eine Orientierung. Lautsprecherdurchsage? Fehlanzeige. Also aufgemacht zum Reisezentrum. Dort versuchte sich eine genervte Angestellte der immer nervöser werdenden Reisenden zu erwehren, indem sie vorgab, von der S-Bahn zu sein und mit der ganzen Sache nichts zu tun zu haben. Als das nichts fruchtete, bequemte sie sich, auf einem bereitliegenden Zettel nachzusehen. Und siehe da, das Gleis, das sie nannte, stimmte sogar. Auch wenn es die dritte unterschiedliche Auskunft in dieser Sache war.

Das alles änderte nichts an der Tatsache, dass die DB alles andere im Kopf hatte, als den durch die Streckenunterbrechung und den S-Bahn-Shuttle verursachten Zeitverlust bei ihrer Planung zu berücksichtigen. So hatten die Fahrgäste (welch Hohn klingt aus diesem Wort!) hinreichend Zeit, in Lichtenberg auf Spurensuche zu gehen. Und tatsächlich fand sich auch ein recht klein gedruckter Aushang, der über die Fahrtstrecken- und Fahrplanänderung Auskunft gab. Natürlich ohne Angabe des Gleises, von dem der im Fahrplan eigentlich gar nicht vorgesehene Zug abfahren solle. Als sich eines der Abfertigungsgebäude auf den Bahnsteigen tatsächlich als besetzt erwies und die Tür unter dem Schild „Fragen Sie uns“ auch offen war, wunderte sich die Zugabferigerin auf sehr coole Weise, dass wir nicht wussten, was sie wusste. Lag doch alles auf der Hand. Warum kann sich bei den Planern und Machern der DB eigentlich niemand vorstellen, dass die Reisenden nicht Insiderwissen haben? Dass es ihnen schwer fällt, im Stress der Orientierung gleich den richtigen der zahlreichen kleinen Zettel zu finden. Kann man diesem nicht-professionellen Fahrgast in einer Ausnahmesituation nicht ein wenig entgegen kommen und ihn mehr als sonst vielleicht üblich, mit aktuellen Informationen versorgen? Anstatt von ihm zu erwarten, dass er schon alles selber herausfinden werde.

In Cottbus war die Lausitzbahn bereits zwei Minuten in Richtung Görlitz unterwegs, als die RB aus Gesundbrunnen in den Hauptbahnhof einlief. Niemand der Bahnangestellten vermochte zu erklären, warum dies so war. So wurden aus den normalen zweieinhalb Stunden nach Görlitz nicht nur vier, sondern sogar fünf. Was macht man in einer solchen Situation? Richtig, man geht Schoppen, kauft irgend etwas zum Essen, zum Trinken, ein Souvenir aus dem Spreewald oder etwas anderes, was man mangels Zeit sonst nicht gekauft hätte. Uns beschlich der böse Verdacht, dies könne der tiefere Sinn der nicht abgestimmten Fahrpläne sein: Den zu Malls umgebauten Bahnhöfen wird auf diese Weise zahlungswillige Kundschaft zugeführt, der alles, was vom Warten ablenkt, willkommen ist.

Wir haben Vorschläge zum Ausbau dieses Konzepts: An sonnigen Tagen – und der Samstag war ein solcher – könnte der nicht überdachte Teil des Bahnsteige in Lichtenberg als Sonnendeck angeboten werden, ausgestattet mit Liegestühlen, die man für die Wartezeit mieten kann. An ein Anrechnen auf den Fahrpreis sei seitens der DB allerdings nicht gedacht, betont ein Bahnsprecher. Der Verwaltungsaufenthalt sei überproportional hoch. Ausserdem könne eine Gleichbehandlung von Fahrgästen bei Sonnenschein und Regen nicht gewährleistet werden. Denkbar wäre allerdings, Wettervorhersagen aus Hochdruckzeiten vergangener über die Ankunft- und Abfahrtmonitor einzublenden.

Schlimm ist nicht, dass Änderungen des Fahrplans vorgenommen werden, selbst wegen Ostern wollen wir nicht meckern. Aber schlimm, sehr schlimm ist, dass der Fahrgast im Bemühen, sich eine Orientierung zu verschaffen, nur, oder doch fast nur mit Inkompetenz, Arroganz oder Gleichgültigkeit konfrontiert wird. Ich sag’s noch einmal, Herr Mehdorn: Sie müssen den Kunden entgegenkommen, um sie dauerhaft für sich zu gewinnen.

PS: Auf dem Rückweg war der SEV zwischen Cottbus und Vetschau aufgehoben. Kenntnisreiche Bahnbeschäftigte in Cottbus hatten uns zwar vorgewarnt: Richtung Berlin gehe es keinen Deut besser. Doch wir waren in zweieinhalb Stunden (ab Görlitz) in Berlin. Auf den letzten Metern allerdings bezog sich dann der Fahrgast-Himmel noch einmal, als die Lautsprecherstimme erklärte, dieser Zug werde über Gesundbrunnen umgeleitet. Um dann sinnesdunkel hinzuzusetzen: „Die Stadtbahnhöfe entfallen.“ Das haben wir uns immer schon gewünscht.

Abgesehen davon ist Umgang des Personals mit der deutschen Sprache dann noch einmal ein anderes Kapitel