Musiker gelten als kauzig, aber harmlos. Vielleicht auch arglos.

Ein Beispiel aus jüngster Zeit:

Der Weltmusiker Daniel Barenboim, derzeit in Berlin vor Anker, wird nicht müde, immer neue musikalische Events und Institutionen zu entwerfen, die seine Botschaft in die Welt hinaustrompeten sollen: Frieden im Nahen und Mittleren Osten durch Konzerte, an denen Musiker aus dem jüdischen und islamischen Kulturkreis mitwirken. Eine schöne Idee, die zudem noch erfolgreich ist.

Die Konzerte sind auf hohem Niveau angesiedelt. Von dort aus Geld einzuspielen, scheint so schwierig nicht. So kommt denn ein ganz schönes Sümmchen zusammen. Barenboim hat jetzt mittels einer von ihm initiierten Stiftung einen Konzertsaal errichten lassen, wo er seinen polit-philosophischen Gedanken nachhängen kann.

Ansonsten tut diese Stiftung das, was weltweit wohl alle Stiftungen tun: Sie führt Sponsoren, Künstler und Kunstgenießer zusammen. .Die Sponsoren investieren in das Projekt, die Künstler leben davon und die Kunstgenießer genießen die Kunstwerke. Obendrein werden dem Staat Steuereinnahmen ins Portefeuille gespült.

Über die Aktivitäten des neuen Konzertsaals und der ihm angehängten gGmbH kann sich der Musikinteressierte schon jetzt informieren.

Das Unternehmen Barenboim-Said-Akademie gGmbH versendet einen Info-Brief. Um ihn zu erhalten, genügt es im Internet seine Personendaten zu hinterlegen. Noch ein Mausklick und du bist dabei. Und schon werden Menschen -, ich zögere bei diesem Wort etwas, vielleicht sollten wir vorsichtshalber sagen: User - aus aller Herren Länder mit Informationen über die nächsten Konzerte überschüttet. Und einhundert Konzerte sollen es laut Selbstverpflichtung schon sein!

Ich sehe sie schon herbeiströmen, die Musikfans aus Polen, Dänemark, aber auch Frankreich, Grönland, um hier bei uns kulturell aufzutanken, ehe sie zurückkehren zu ihren durch klimatische und andere, auch geologische Unbilden in Mitleidenschaft gezogenen Heimatländern.

Einer wird dabei sein, dem unsere besondere Anteilnahme gelten sollte: Der Schubert-Freund aus Antarctica. Er ist wie nahezu alle seiner Mitbewohner ein Pinguin. Das jedenfalls entnehmen wir der Website „forstudents“ der NASA, wo unter anderem zu lesen ist:

Who Lives in Antarctica?

Antarctica is too cold for people to live there for a long time. Scientists take turns going there to study the ice. Tourists visit Antarctica in the summers. The oceans around Antarctica are home to many types of whales. Antarctica is also home to seals and penguins. Und er ist es gern, liebt seine Heimat und verspürt wenig Drang, ihr den Rücken zu kehren. Doch den von dem Österreicher Schubert vertonten Gedichtzyklus “Die Winterreise”, insgeheim die Nationalhymne der Pinguine, einmal am Ort ihres Entstehens, jedenfalls fast dort (zumal der Unterschied zwischen Wien und Berlin aus Pinguin-Sicht eh, aber auch lautlich eher zu vernachlässigen ist) mit allen ihren Gefühlsstürmen aus Hoffnung, Wahn, Erstarrung, Verzweiflung und Halluzinationen („irre Hunde“,„Nebensonnen“) zu hören, sozusagen durch den fremden Blick die eigene Identität zu erkennen – , das treibt den jungen Antarcticaner in die Fremde, auch wenn er sich später eingestehen muss, dort immer fremd geblieben zu sein. Wie hätte er auch heimisch werden sollen, ist Antarctica zwar ein Kontinent, aber eine staatliche Struktur mit Postbehörde wird man dort vergebens suchen.

Nur so hatte dieses Nicht-Land in der Adressenliste der Pierre-Boulez-Saal-gGmbH ihren Platz finden können.