In einem Radio-Gespräch mit dem Autor Matthias Zschokke („Auf Reisen“) wurde die Frage angesprochen, wie wir Zeit erleben, genauer das Vergehen von Zeit. Etwa wenn wir als Zeugen historische Vorgänge erleben, die sich später in den Geschichtsbüchern wieder finden. Mir fiel dazu die Öffnung der Mauer 1989 ein. Es herrschte damals gewiss kein normaler Alltag, und doch gingen wir alle unseren alltäglichen Beschäftigungen nach. Von dort aus warfen wir von Zeit zu Zeit einen Blick auf das Geschehen, das historisch zu werden sich anschickte. So als ob wir alle Paar Minuten in die TV-Übertragung eines Fußballspiels hineinschauen, um uns über den Spielstand zu informieren (der Live-Ticker war noch nicht erfunden). Wir bekommen nicht das gesamte Spiel in seinem Verlauf mit, doch wir haben einen Eindruck von der Richtung, in die sich die Dinge entwickeln, was es uns erlaubt, am Ende zu sagen: Wir waren dabei. Das Bild, das uns die Geschichtsbücher liefern, verhält sich zu den Gesamtereignissen etwa so wie eine Spielzusammenfassung in der „Sportschau“ zu dem tatsächlichen Spielverlauf in einer Live-Übertragung.
Rauchzeichen aus Mediastan