Der erste, der seine Hand auf diese Weise gegen einen unliebsamen Politik- er erhob, war ein pakistanischer Journalist. Er hat ihn nicht geschlagen, sondern nur etwas, was er in seiner Hand hielt, in dessen Richtung ge worfen: einen Schuh. Und das war sehr klug. Ein Handbuch für den Umgang mit Katzen, das mir jemand geschenkt hatte, als ich in die Verlegenheit geriet, meinen Wohnraum mit einem Kater teilen zu müssen, riet, gegenüber den Samtpfoten niemals körperliche Gewalt direkt einzu- setzen. Wenn eine harsche erzieherische Maßnahme erforderlich werde, solle man die über einen Gegenstand ausüben, den man in der Hand hält, etwa eine Zeitung. So werde die Katze, die als solche bekannter- maßen ja sehr nachtragend ist, nicht auf die Idee kommen, den Schmerz, hervorgerufen durch den tätlichen Angriff mit diesem Gegenstand, mit dem tatsächlichen Täter in Verbindung zu bringen. Daher liest der Kater noch heute keine Zeitung, doch wir sind Freunde geblieben. Das Beispiel des Schuh werfenden Pakistani fand nicht nur einen riesigen medialen Widerhall, meist voll klammheimlicher Zustimmung, es fand auch Nachahmer. Der nächste war ein Student in England, ein deutscher zudem. Und nun lese ich in der Zeitung, dass ein indischer Journalist seinen Innenminister mit einem Schuh attackiert hat. Alle drei haben ihr Ziel ver- fehlt (was sagt uns das?), immerhin ermöglichte der Pakistani seinem Opfer, dem damaligen amerikanischen Präsidenten, der Weltöffentlichkeit eindrucksvoll zu demonstrieren, dass er sich während seiner Amtszeit wenigstens körperlich fit gehalten hat. Im Wegducken war George W. große Klasse!
Die jüngste Schuhwerf-Meldung ließ schlagartig eine Geschäftsidee vor meinem inneren Auge aufleuchten: Alle sprechen von den Folgen für die Beattentateten, von ihrem Gesichtsverlust, ihrer Demütigung. Aber wer sorgt sich um den Täter? Der nämlich musste, seiner Tatwaffe be- raubt, mit nur mehr einem Schuh bekleidet in die Arrestzelle humpeln. Ist das nicht zutiefst demütigend, menschenunwürdig? So weit wäre es nicht gekommen, hätte man rechtzeitig die Stückzahl für ein Paar Schuhe von zwei auf drei angehoben! Schließlich ist der Begriff „Paar“ nicht auf zwei eingeschränkt, sondern bezeichnet eine unbestimmte, eher geringe Menge. „Ey Alter, haste mal `n paar Euro?“ Wer so fragt, wäre vielleicht auch mit zwei Euro zufrieden, wird aber auch drei nicht zurückweisen. Und selbst Goethe propagiert in seinem Schauspiel „Stella“ bereits das paarweise Leben zu dritt.
Die Schuhhersteller sollten sich also endlich auf eine auf sie zurollende Nachfragewelle einstellen und Schuh-Tripletten anbieten, zwei zum Tragen und einen zum Werfen. Dabei ist die Frage, ob der Drittschuh ein linker oder rechter sein solle, kein wirkliches Problem. Man kann diese Frage politisch beantworten (linker Schuh gegen rechten Politiker und umgekehrt) oder neuro-physiologisch: Testversuche in meiner Wohnung haben ergeben, dass Rechtshänder mit Linksschuhen bessere Ergebnisse erzielen.
Der Schuhverkäufer, besser noch der Fachhändler für Attentatsbedarf sollte sich also entsprechend bevorraten. Das aber birgt ein ökonomisches Problem: Um einen potenziellen Attentäter zufrieden stellen zu können, muss der Händler von jedem attentatsgeeigneten Schuh zwei Doppel- exemplare auf Lager haben, wobei sich dann in der Regel ein Einzelschuh als unverkäuflich, da untragbar erweisen wird. Aber auch hierfür gibt es eine Lösung, wie mir ein Bericht im TV klar machte: Man liefert den Restschuh einfach nach Afrika. Dort landen ja auch die Hühnerreste, die in Europa als ungenießbar gelten. Die Afrikaner werden schon eine Lösung finden. Schließlich sind die ja früher ganz ohne Schuhe ausgekommen. Da ist doch bereits ein Schuh zivilisatorisch ein Riesenfortschritt.
PS: Inzwischen ist eine Fußbekleidungsmode von Afrika her auf dem Vor- marsch. Sie wird unter der Bezeichnung Masai Barefoot Technology (MBT) vermarktet und propagiert die zeitnahe Rückbesinnung auf ein natürliches Laufen auf Masai-Füssen nachgebildeten Sohlen. Bis hin zum Verzicht auf jegliches Schuhwerk.
Doch womit machen wir dann unsere politischen Gegner mundtot? Mit Worten?