Natürlich wäre es schön, wäre human gedacht, wenn wir alle, die Arbeit suchen, nach Europa herein ließen und sie zu Teilhabern an unserem Wohlstand machten, wenngleich auch nur auf nachgeordnetem Niveau. Es wäre auch ein Akt ausgleichender Gerechtigkeit, wenn wir sie teilhaben ließen, nachdem wir die Länder der Dritten Welt Jahrhunderte lang ausgebeutet haben und, – inzwischen auf subtilere Weise – , noch immer ausbeuten.
Aber – , ist das nicht doch eurozentrisch gedacht? Wir lassen sie bei uns arbeiten und sichern so unseren Wohlstand dank billiger und williger Arbeitskräfte aus der Dritten Welt. So wie in der Frühzeit des Kolonialismus, als Sklaven über Kontinente hinweg verschifft wurden, um auf den Baumwollfeldern einen der wichtigsten Rohstoffe der damaligen Zeit zu sichern. Nur dass sie seinerzeit gewaltsam herangeschafft wurden. Heute dagegen kommen sie freiwillig, oft unter Einsatz ihres Lebens. Erwuchs aus dem Sklavendasein der Grand Narrative (könnte man diesen Ausdruck nicht auch als „große Illusion“ übersetzen?) Afrikas und seiner Menschen? Dass uns deren individuelles Schicksal damals wie heute nicht weiter interessiert, haben wir, denke ich, hinreichend unter Beweis gestellt.
Aber es geht nicht um unsere „Gastfreundschaft“. Es geht um die – auch in der taz! – lauter werdenden Rufe, die Zukunft Europas zu sichern, indem die fähigsten Köpfe der Welt zu uns geholt werden, damit sie helfen, unseren Qualifizierten-Engpass zu überwinden. Wie, frage ich mich, sollen die ärmeren Länder den Abstand zu den reichen verringern, wenn ihnen die fähigsten Köpfe weggekauft werden? Wenn ich das Plädoyer von Daniel Bax für eine „aktive Einwanderungspolitik“ richtig verstanden habe, fordert er systematische Ausbeutung des, sowie Wettstreit um Humankapital anderer Staaten durch die führenden Wirtschaftsmächte. Ich schätze Daniel Bax, Redakteur bei der taz, sehr. Nicht zuletzt wegen seiner Biographie, die ihm den globalen Blick nahe legt. Doch dieser Kommentar aus seiner Feder lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. („Kontinent der Angst“, taz vom 27.10.2010, S.1)
Man muss kein „Gutmensch“ sein, um sich vor den kommenden Kriegen um die Ressource Mensch zu fürchten. Zumindest hätten wir nichts gelernt aus unserer imperialistischen Vergangenheit.
Frank Schneider trifft in seinem Leserbrief den Kern, wenn er darauf hinweist, dass die angeworbenen Arbeitskräfte dort fehlen werden, wo sie herkommen. Das vermeintlich gute Werk, dass wir Arbeitsmigranten anzutun glauben, erweist sich bei genauerem Hinsehen als raffinierte Form der Ausbeutung. Auf den ersten Blick erscheint es hartherzig, wenn man den Einlass Begehrenden diesen verwehrt. Doch wenn wir das nicht tun, werden die Entwicklungsländer ausbluten. Da hilft nur eins: Europa als Zuflucht unattraktiv machen. Einmal indem die Ressourcen an qualifizierten Arbeitskräften hier gezielt genutzt werden (Bildung), zum anderen, indem die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den armen Ländern nachhaltig verbessert werden (fairer Handel). Ob das allein schon ausreicht, weiß ich nicht, aber es wäre ein wichtiger Schritt.
Wenn es darum geht, die hiesigen “Humankapital”-Reservisten zu mobilisieren, dann muss das Recht auf Arbeit Verfassungsgebot werden, aus dem dann eine Pflicht zur Ausbildung folgt. Und es geht dabei nicht allein um ethnisch Deutsche, sondern um alle, die schon hier sind. Parallel dazu müssen wir unsere Beziehungen zu den Drittweltländern auf eine neue Basis stellen, um dann eines Tages (ich weiß, dass da noch einige Probleme zu überwinden sein werden!) feststellen zu können, dass der Anreiz zur Migration schwächer geworden ist.