Drei Dinge solle ein Mann zu Lebzeiten tun: einen Baum pflanzen, ein Haus bauen und einen Sohn zeugen, sagt ein Sprichwort. Dann erst habe er erfolgreich gelebt.
Doch Vorsicht: Söhne wissen es oft nicht zu würdigen, wenn sie in einem Atemzug mit einem Baum genannt werden. Sie sehen, – so das psychologische Verständnis – , den Beischlaf des Vaters mit der Mutter als Verrat, empfinden dem Vater gegenüber Eifersucht und Hass. Dabei verdanken sie diesen Vorgang ihr Leben.
Der Vater-Sohn-Konflikt wird meist auf zivilisierte Weise gelöst. Selten nur wird der Vater vom Sohn physisch ausgelöscht. Doch das Mittel muss ja nicht immer gleich Mord sein, es gibt andere Arten der Vatertötung, eher symbolische.
Der Sohn lernt schließlich, nach der ödipalen Phase, die Autorität des Vaters zu respektieren, verzichtet darauf, die Mutter besitzen zu wollen. Dahinter allerdings steht nicht Einsicht, sondern eine Urangst, die Angst vor der Kastration durch den Vater. Irgendwann wächst der Sohn dem Vater über den Kopf, und so erledigen sich zumeist die Ängste und damit auch die Mordgedanken. Voraussetzung dafür, dass sie überhaupt entstehen, ist offenbar ein Gefühl der Unterlegenheit
Das ist der günstige Ausgang des ödipalen Konflikts: Beide, Vater und Sohn, beschnuppern sich nach wie vor mit Misstrauen, bis der Sohn begreift, dass der Vater ihm kein Rivale mehr ist. Der nämlich endet als Witzfigur. Und das Interesse an der Mutter wird zunehmend geringer, es gibt ja genug schöne, junge Frauen. So wird man sich gleichgültig und führt ein belangloses, konfliktarmes Familienleben. Die Familie ist nur während einer bestimmten Phase für die Reproduktion wesentlich, nämlich wenn es gilt, die Brut zu schützen. Ist die abgeschlossen, muss eine neue Familie her. Die Orientierung nach außen beginnt.
Doch nicht alle Konflikte entwickeln sich günstig, in einigen Fällen verselbstständigt sich die Rivalität. Dann, – und das ist neu –, schreiben die Söhne ein Buch über den Vater. Und nun schrillen alle Alarmglocken.
Da hat man nun den Knaben mühevoll Schreiben und Lesen beigebracht, – und wozu benutzen sie es? Sie schlagen zurück! Walter Kohl schreibt ein Buch über seinen Vater, Helmut Kohl, Bundeskanzler 1982-98. Falls es eine Hommage hätte werden sollen, so hat der Autor das Ziel um Lichtjahre verfehlt. Bernward Vesper setzt sich mit seinem Vater auseinander, einem Nazi-Barden. Er selber landete in der Psychiatrie. Immerhin war er noch klar genug, sich das Leben zu nehmen. Malte Ludin drehte sogar einen Film über seinen Vater, ebenfalls ein Nazi: „Zwei oder drei Dinge, die ich von ihm weiß“. Thomas Mann haut gleich seine ganze Sippe in die Pfanne.
Doch nicht alle Söhne missratener Väter haben das Zeug zum Bücherschreiber. Wenngleich ich einsehe, dass die physische, psychische oder auch ideologische Misshandlung durch den Vater ein hinreichender Grund ist, über diesen zu schreiben. Nur so wird man ihn los.
Auch Thilo Sarrazin, der eherne Kämpfer gegen das Hartz-IV-Gen, soll einen Sohn haben. Angeblich hat ihn der Reporter einer Illustrierten aufgespürt und interviewt. Dieser 30jährige Mann beklagt sich darin bitter über seine Eltern. Er hat eine Bilderbuchkarriere als Hartz-IV-Empfänger hingelegt, bis er kürzlich von der Polizei in ein Krankenhaus eingeliefert worden ist. Grund: nächtliche Ruhestörung.
Was der über seine Eltern und deren Erziehungsmethoden zu berichten wusste, soll jeder Beschreibung spotten. Aber das will ich gar nicht wissen. Es reicht doch, den Vater an dem zu messen, was er selbst von sich gibt.