Am Wochenende habe ich einen Ausflug in die Provinz gemacht. Das hebe das Selbstwertgefühl des Großstädters, hat mir mal jemand gesagt. Immer wenn einem in Berlin die Decke auf den Kopf zu fallen drohe, solle man in die Provinz fahren.
Mein Ziel war Dessau. Dort findet seit der Wende jährlich zum Ende des Winters das Kurt-Weill-Fest statt. Es ist vielleicht das einzige Festival der unterhaltsamen ernsten Musik in Deutschland, eine Sparte zwischen allen Stühlen. Dazu werden Spitzenkünstler aus dem In- und Ausland eingeladen. Diesmal unter anderen das Ensemble Modern und Salome Kammer. Auch einen artist in residence leistete sich die Stadt, der die Aufgabe hatte, zu diesem Ereignis einen Beitrag zu schaffen. Keine Spur also von Provinzialität, eher hat man den Eindruck, urbane Kultur macht eine Land- partie. Sogar das Publikum kommt nahezu geschlossen aus Berlin. Sieht man einmal von den Honoratioren der Stadt ab (man erkennt sie an den Krawatten).
Auch sonst ist von Provinz in Dessau wenig zu spüren: Man kann die gleichen Brötchen in den gleichen Backshops kaufen wie in Berlin, die gleichen Klamotten in den gleichen Shopping Malls, den gleichen Döner essen. Ich bin mir nicht sicher, ob das bedeutet, dass die Metropolen auch in die Provinz Einzug gehalten haben oder eher umgekehrt.
So verlief der Abend in der Provinz ganz nach großstädtischen Mustern. Bis dann die Provinz sich doch noch unerwartet und unüberhörbar zu Wort meldete: Kaum waren die letzten Takte des Eröffnungskonzerts verklungen, der Beifall nach der Aufführung von Brecht / Weills „Mahagonny“-- Songspiels und der Uraufführung von „Die WUNDE Heine“, eines dieser „kleinen epischen Songspiels mit Interludien“ auf Texte von eben diesem, verebbt, da wurde vor dem Theater ein Feuerwerk entzündet! Die Provinz, sie lebt doch. Nur versteckt sie sich manchmal.