Als ich noch zu jung war, in Kneipen gehen zu dürfen, wünschte ich nichts sehnlicher, als in Kneipen zu gehen. Es gab ja auch genug davon, fast an jeder Straßenecke war eine. Klar, denn früher waren die Wohnungen ja ziemlich lausig, im Winter war nur die Küche geheizt und Ikea war noch nicht erfunden. Unter den Kneipen waren einige, da nahmen es die Gastwirte nicht so genau mit dem Alter ihrer Gäste. Vielleicht hatten sie ja auch ein klammheimliches Vergnügen daran, junge Spunde wie uns in die deutsche Leitkultur einzuführen: die Welt des Stammtisches. Andere, richtig erwachsene Gäste unterstützten sie dabei. Und die weibliche Bedienung erst! Uns ging es nicht schlecht in den Kneipen.
Dann kamen die Gastarbeiter. Die malochten erst richtig dolle, entdeckten dann aber bald, dass man auf anderem Wege viel mehr Geld zu machen vermochte. Und sich dabei noch die Wunden lecken konnte, die das Heimweh geschlagen hatte. Sie machten Restaurants mit heimischer Kost auf, erst die Italiener (s. den Film „Solino“ von Fatih Akin), dann die Yugos, Spanier, Griechen und schließlich die Türken. Kein Wunder, dass immer neue Gastarbeiter zum Arbeiten ins Land geholt werden mussten, da doch die bereits angekommenen stets fahnenflüchtig wurden. Und schon hatten wir den Salat. Aber das ist eigentlich ein anderes Thema. Hier geht es um Kneipen. Und da schrieben die Gastarbeiter Erfolgsgeschichten. Die machten sie zur Taverna, Trattoria, zum Ristorante, Bistro oder Kebap-Haus. Diese Namen signalisieren Gediegenheit, nichts mehr von dem Armutsflair der Kneipe. Die Gentrifizierung der Kneipe gewissermaßen. Was ja ein Widerspruch in sich ist: Das Wort leitet sich nämlich von „kneipen > kneifen“ her – sagt der „Wahrig“ – , meint Enge, positiv gesagt: menschliche Nähe. Also im Sinne des Zusammenrückens, des Fallens sozialer Schranken, der Enthemmung. Kneipe, das ist der Ort, wo deutsche Männer (!) mal so richtig die Sau rauslassen dürfen.
Dieser Ort nun wurde uns genommen. Im Mittelpunkt der post-migran- tischen Ethno-Gastronomie steht das Essen, dies erst legitimiert zum Trin- ken. Wer aber geht schon in eine Kneipe, um dort zu essen? Mal abgesehen davon, dass wir Jungen damals uns das gar nicht hätten leisten können.
Doch die Kneipe hat überlebt, sie hat eine Metamorphose durchlaufen, um dort wiederzuerstehen, wohin sich ihre Kunden verzogen haben: Sie ist in die Gestalt von Kiosken geschlüpft, von Fußballstadien und Hauptbahn- höfen Mehdornscher Prägung. Ganz hinterhältige haben es sogar geschafft, sich Bistro zu nennen und trotzdem Kneipe zu bleiben. Oder sie ist mobil geworden, unübersehbar wird sie durch die Stadt getragen. Das Publikum nahm nach der Vertreibung aus dem Paradies seine Kneipe einfach mit. Denn die Kneipe ist nicht wirklich ein realer Ort, vielmehr ein Fluchtpunkt. Und ein Punkt ist eine gedachte Stelle im Raum.
In der Diaspora nun leben diese Kneipen weitgehend von der Mundpro- pa- ganda. Kein Restaurantführer nennt ihre Namen, sie haben keine Internet-Lobby, keine Gastrokritik befasst sich mit ihnen.
Nur hin und wieder blitzen Zeugnisse ihrer Existenz im neuen Gewand auf, z.B. in Berichten von Fußballspielen: „Bestes Fußballwetter herrscht in Erfurt. 7.614 Fans strömen ins Steigerwald-Stadion. Der heimische FC Rot-Weiß empfängt den FC Erzgebirge Aue. Bratwurstdunst steht über der Tribüne. Es wird reichlich Bier gezapft. Im Spiel der Dritten Liga geht es um nichts.“ Die Wurst ist das einzige nicht-flüssige Lebensmittel, das sich in diesem Milieu hat festsetzen können.
Bahnhöfe waren schon immer Kneipen im XXL-Format. Das war bereits vor Mehdorn so.