Nach der Lektüre des Romans „1913“ von Florian Illies in einem Berliner Krankenhaus, das 1913 noch „Krankenhaus zur Pflege irrer Personen männlichen Geschlechts“ hieß.
Florian Illies nennt seinen Versuch, anhand der tatsächlichen wie auch der vermuteten oder vielleicht zu vermutenden Querverbindungen zwischen Europas führenden Künstlern und Intellektuellen die Dynamik des Übergangs vom vorindustriellen zum industriellen Zeitalter anhand authentischer Materialien einsehbar zu machen, „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“. Warum „Sommer“ für das Jahr zu Beginn des zweiten Achtels eines ganzen Jahrhunderts, blieb zumindest mir unklar, aber das war wohl kein zentraler Punkt, vielmehr scheint es dem Autor um die Frage gegangen zu sein, wie bewusst- und also sinnlos Europas Kulturelite in die größte Krise des Abendlandes geschlittert ist. Nur wenige entwickelten ein fin du monde Bewusstsein, Oswald Spengler etwa, aber auch Ernst Jünger. Die vielen anderen dagegen bliesen zur Jagd auf die Frau. Der Singular ist hier nicht versehentlich gewählt worden, es war zwar nicht nur eine Frau, sondern einige wenige, von denen aber eine bestimmte inspirierende Kraft auszugehen schien, ein Mittelwesen, angesiedelt irgendwo zwischen Muse und Nymphe.
Es war nicht nur Alma Mahler, die in jedem zweiten Künstlerbett auftauchte, auch Else Lasker-Schüler, die Hexe vom Dienst, dann Lou Andreas-Salomé und Sidonie Nádhern´y von Borutin, auch so manch weniger prominente Fee. Sie wurden von den Geistes- und Kunstgrößen dieser Zeit des Umbruchs umschwärmt wie das Licht von den Motten, blieben aber (abgesehen von Einzelfällen wie Else Lasker-Schüler) selber weitgehend unproduktiv. Die Königinnen und ihre Drohnen, nur dass hier die Drohnen die Eier legen mussten. Dafür gackerten die Königinnen um so lauter.
Andere verkeilten sich in nur eine Herzensdame, von der sie nie mehr (oder erst sehr spät) loskommen sollten: Franz Kafka, der seine geliebte Felice Bauer so lange eindringlich vor sich warnte, bis diese die Nase voll hatte. Oder Rilke, der es mit Geschick verstand, die Damen sich vom Leib zu halten, indem er sie im Sixpack vor sich hertrieb. Von ihm stammt die bemerkenswerte Einsicht, dass Frauen als solche im Zustand „der bald Liebenden“ am begehrenswertesten seien, als „einmal Geliebt habende“ jedoch vor allem (das heißt: nur noch) zu Sponsorinnen taugten. (Hier gibt es ein Problem: Illies weist die zweite Charakterisierung durch Anführungs- zeichen als Zitat aus, nennt aber keine Quelle. Wird hier das Gutten- berg-Syndrom übergriffig? Nun, wir nehmen es mal so wie es ist.)
Die meisten Kulturgranden werden bei Illies als Muttersöhnchen entschlei- ert, die der Fuchtel ihres wilhelminisch konditionierten Vaters nur ent- kommen konnten, indem sie sich Müttern und „Übermüttern“ (Illies) an die Brust warfen. D.H.Lawrence ließ nur zwei Sorten Mann zu: „Söhne und [natürlich im Sinn von: „oder“] Liebhaber“. Die Patriarchendämmerung verweist den Mann auf die Plätze hinter den Horizontrand, macht so Platz für die – Frau. Wie so oft, etabliert sich nur eine kleine Zahl von ihnen in dem Vakuum, erst mehr als 50 Jahre später wird das Gros nachziehen.
Wer eine kunsthistorische Darlegung erwartet hat, ist sicherlich nach der Lektüre enttäuscht. Ausgebreitet wird vor ihm Klatsch aus der Welt der Schönen, Klugen und Genialen – Klatsch vom Feinsten also. Und als solcher hat er einen nicht zu unterschätzenden Unterhaltungswert. Wie es aber zum Weltkrieg (den man später den Ersten nennen musste) kommen konnte, erfahren wir leider nicht. Dazu sind die agierenden Damen und Herren doch eine Nummer zu klein. Und die Reichen spielen nur eine untergeordnete Rolle. Die in der ersten Reihe der institutionellen Macht aber gaben nur Schwachsinniges von sich. So kam es irgendwie zum großen Krieg, den so manche der hier agierenden Personen herbeigesehnt hatte, nicht ahnend, dass sie eines der Opfer eben dieses Krieges werden sollten. Wohl auch, weil es den Menschen dieser Zeit an Fantasie mangelte, sich auszumalen, wie ein Krieg im industriellen Zeitalter aussehen werde.
Bleibt die Frage, die sich durch das ganze Buch zieht: Was verlieh den Damen in diesem Kreis der Illustren eine derartige Macht über all die potenten, kreativen Alpha-Männchen, dass diese winselnd ihnen zu Füßen lagen? Kann es sein, dass ihnen der Sprung aus der Rolle des Vatermörders in die des Liebhabers schlicht und einfach misslungen war? Wer im Windschatten des Vaters aufgewachsen war, ehe er diesen zur Strecke brachte, stand nun ohne den Vater plötzlich im Regen. Nur der dicke Busen der Mutter vermochte ihn noch zu schützen. Mit dem Wegfall des Vaters trat nicht der Sohn an dessen Stelle, sondern die Mutter, getarnt als Kokotte. Der ödipale Sohn vermochte nicht Vater zu werden, er blieb Sohn und zugleich Liebhaber; ihm wurde die Mutter zur Hure und die Hure zur Mutterfigur.
Die Angst des Mannes vor der nackten Frau – Rilke? fürchtet sich vor ihr, vor allen anderen aber auch Kafka, der sich allen Ernstes fragt, was werden solle, wenn die nackte Frau dann auch noch ihre ehelichen Rechte (!) einfordere. Die Frau als Muse, schön und gut. Doch wehe, sie strebt selber zum Mittelpunkt hin. Die Vatermörder von 1913 waren einfach noch nicht so weit, die Frau mit ihren (männlichen) Mitteln zu zähmen. Tief innen trugen sie die Ahnung (und Befürchtung), die Frau könnte alles an sich reißen und damit ihnen, den Männern, wiederum nur den zweiten Rang zuweisen.
Die Kleiderordnung war Ausdruck und zugleich Mittel der Disziplinierung der Frau: Wo es aber keine Kleider mehr gab, gab es auch nichts zu disziplinieren! Und genau da setzen Kafkas Ängste an: vor der Frau, die möglicherweise mit einem kurzen Samenerguss so nebenher nicht ganz zufrieden gestellt werden könne und neben Erwartung und Hoffnung nach mehr an Zuwendung möglicherweise nackte Tatsachen in Gestalt kleiner Kinder mit in die Beziehung bringen könnte. Kafka schaudert´s bei dem Gedanken, er müsse seine wertvolle schriftstellerische Zeit mit irgend- jemandem und irgendwas teilen. Und so lamentiert er seiner angebeteten Felice gegenüber: „Was würde in einer Ehe aus mir werden?“ Er hat es nie ausprobiert. (Dora Diamand, seine Partnerin der letzten Monate, war wohl eher die Krankenschwester des Todkranken.) Und der Nachwelt war es eh wurscht, solange er nur Erzählungen wie die „Verwandlung“ ablieferte. Wer wollte schon Kinder von Kafka? Das romantische Künstlerbild wirkt hier tief in die Moderne hinein. Schon Beethoven hatte seine privaten Sehn- süchte auf dem Altar der Kunst zu opfern. Und hatten Genies , Mozart etwa, Kinder, krähte doch kein Hahn nach ihnen. Künstler hatten entweder Syphilis (Schubert) oder wurden zu Präsidenten der Reichsmusikkammer der Nazis (Richard Strauss). Die dazwischen zählten nicht. Interessanter- weise vermochte der Strauss-Flügel nach Zeitplan zu komponieren. Thomas Mann konnte das auch, natürlich schreibend.
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Schließlich noch der Künstler als Narziss. Das liegt ja nicht gar so weit entfernt von dem Punkt der Weiberangst. Hermann Hesse bricht einen familiären Streit vom Zaun, um ihn anschließend sofort auf Papier zu bannen – Steinbruch für sein literarisches Werk. „Fiktionalisierung“ nennt Illies diese Form des gegenläufigen reenactments in seinem Bestiarium der Kulturgranden. Vielleicht wäre „Fracking“ angemessener gewesen.
Den Vogel aber schießt ein Nicht-Künstler ab, der Staatsrechtler Carl Schmitt, einer der gleichwohl die Nähe zur Bohéme sucht. Nach einem aufrüttelnden Konzerterlebnis notiert er: „Ich wollte mich umbringen. Was [aber] hat es für einen Zweck?“
Mal abgesehen davon, dass Kunst zwecklos sein sollte: Wer bringt sich schon um seiner selbst willen um?