Philipp Mausshardt berichtet in der taz über seinen Urgroßvater und dessen Freitod vor vielen Jahrzehnten. Er stellt diesen in eine Reihe mit der japanischen Entschuldigungskultur, die in extremen Fällen bis zur Selbstauslöschung reicht, dann nämlich, wenn der Betreffende das Gefühl hat, der Gemeinschaft zur Last zu fallen. Es sei bei den schwäbischen Winzern; – und solch einer war der Ur-Opa – ,Brauch gewesen, sich selbst auszulöschen, wenn man keinen nennenswerten Beitrag für das Familiengewerbe mehr zu leisten in der Lage war. (Dass es auch Gegenkonzepte gab, zeigt das Beispiel der Bremer Stadtmusikanten, der ersten autonomen Rentner-Group.) So kommt Mausshardt zum „schwäbischen Japaner“. Doch es ist eine westliche Verzerrung zu behaupten, Japaner bringen sich stets selber um. Es gibt auch Fälle, in denen das andere tun. So sei an eine historische Tradition Japans erinnert, mit dem demographischen Problem der Vergreisung umzugehen. Noch vor rund eineinhalb Jahrhunderten wurden auch Japaner nicht sonderlich alt. Damit begannen sie erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Um dennoch nichts anbrennen zu lassen, haben sich die Menschen besonders in abgelegenen Gebieten eigenhändig die Bevölkerungsbilanz auszugleichen bemüht. Es durften nicht mehr Geburten als Todesfälle unter dem Strich zu verzeichnen sein, wird in regional überlieferten Legenden berichtet. Neugeborene Jungen wurden daher – bis auf einen oder zwei – ausgesetzt oder ertränkt (mabiki: „jäten“), überschüssige Mädchen, die im Ehestiftungskartell nicht berücksichtigt werden konnten, verkaufte man an städtische Bordelle. Das brachte gutes Geld.

Um das demographische Gleichgewicht zu wahren, mussten die Alten dennoch halbwegs pünktlich sterben. Taten sie das nicht, blockierten sie den Nachwuchs, die kollektive Regeneration konnte nicht mehr stattfinden. Dann wurde die Reißleine gezogen: Die Alten wurden in der Wildnis, – das sind in Japan meist Berge – , ausgesetzt. Ihr Quasi-Selbstopfer ermöglichte den Jungen, den selbst gezeugten Nachwuchs auch groß zu ziehen und in den wirtschaftlichen Kreislauf einzubinden. Der Schriftsteller Fukazawa Shichirô hat aus diesem alten Legendenstoff einen Roman gemacht (Narayama-bushi kô, „Schwierigkeiten beim Verständnis der Narayama-Lieder“), der Regisseur Imamura Shôhei hat ihn verfilmt („Die Ballade von Narayama“).

So verlockend dieses in Teilen des vormodernen Japan praktizierte Verfahren auch erscheint, auf uns übertragbar erscheint es kaum. Wir haben einfach zu wenige Berge. Und ob das Sich-vor-den-Zug-werfen uns weiter bringt, darf bezweifelt werden. Die Deutsche Bahn ist eh schon unpünktlich, man muss das demographische Problem nicht auch auf Kosten der Reisenden lösen.

Außerdem sind unsere Politiker schon feste dabei, aus dem Pflegenotstand von heute das Wachstumsmodell von morgen zu zimmern. Wer wollte sie dabei bremsen?

Auch in Japan bastelt man an einer Aktualisierung des Narayama-Modells. Experten der japanischen Regierung hatten vor einigen Jahrzehnten herausgefunden, dass in Spanien optimale Lebensbedingungen für japanische Rentner herrschen, sowohl was das Klima betrifft, als auch das meeresorientierte Essen. Den Rotwein würde man vielleicht Schritt für Schritt durch Reiswein ersetzen können, und das mit der Verständigung, na, das würden die Spanier schon hinkriegen. Leider wurden die Pläne durch eine gezielte Indiskretion vorzeitig bekannt, es gab einen riesigen Skandal.

Ich bin sicher, dass japanische Bürokraten die Planungen insgeheim weiter verfolgt haben. Vielleicht ist Spanien inzwischen aus dem Rennen, aber Portugal mit seiner Finanznot bietet sich an, die Bedingungen sind ähnlich. Irland kommt wegen des Dauerwinters nicht in Frage, und Griechenland, – wer möchte schon ständig Retsina trinken? Jedenfalls wenn ich ein japanischer Rentner wäre, ich würde keine Sekunde zögern. Aber auch als Deutscher gebe ich die Hoffnung nicht auf, unsere Regierung könne sich als innovativ erweisen.

Es muss ja nicht immer Florida sein. Eingebettet in die portugiesische Melancholie läßt sich der deutsche Rentner viel artgerechter halten.