Man kann sie, wenn man solche Vergleiche mag, als Negativ-Markenzeichen der sozialistischen Planwirtschaft sehen, als Synonym für Misswirtschaft schlechthin: die Schlange, das viel bespöttelte Schlangestehen. Es fand sogar – als Satire – Eingang in mein erstes Polnisch-Lehrbuch (herausgegeben im „Westen“). In einem Lehrtext über kolejki („Schlangen“) hieß es sinngemäß: Wenn du in der Stadt eine Schlange siehst, stell dich sofort an und versuche erst dann herauszufinden, was eigentlich verkauft wird.
Dieses öko-zoologische Monstrum schient mit dm Zusammenbruch des sozialistischen Wirtschaftssystems unweigerlich dem Untergang preisgegeben, überlebensfähig nur in den geschützten Reservaten der Museen.
Doch das war ein Irrtum, vorschnell aus der scheinbaren Überlegenheit des Westens in allen Belangen hergeleitet. Tatsächlich hat der Osten überlebt und zwar genau dort, wo dies niemand erwartet hatte: in den Tempeln des Kapitalismus, den Handelshäusern, dort, wo das Prinzip der Überlebensfähigkeit in seiner extremsten Form praktiziert wird. Dort also, im Herzen der freien Warenwirtschaft, hat der Sozialismus überlebt und mit ihm das Schlangestehen. Mein Enkel brauchte einen neuen Rechner, nicht zum Spaß, sondern für die Schule. Mit dieser Begründung schaffte er es, das Opaherz milde zu stimmen. Denn welcher Opa möchte nicht etwas zur Chancengleichheit seines Nachwuchses beitragen!
Als ich bei Aldi einlief, standen dort schon gut zehn potenzielle Kunden. Was, wenn die alle das gleiche Gerät wollten?! Die Tür öffnete sich pünktlich, die vor der Tür in fast britischer Manier eingehaltene Schlangenordnung löste sich schlagartig auf und jeder der 13 Wartenden spurtete auf sein Desideratum zu. Dabei wurde getrickst, dass es nur so eine Art hatte: Konkurrenten wurden abgedrängt, in die Irre geleitet, Umwege gesucht, durch die man eher zum Ziel gelangen konnte – offenbar hatten einige bereits am Vorabend, als die Schnäppchen bei noch laufendem Betrieb platziert wurden, sich einen Eindruck verschafft, anhand dessen die eigene Vorgehensweise optimiert werden konnte. Und einer war zu beobachten, der seine Rivalen an eine bestimmte Position lockte, dabei den Anschein erweckend, dort den großen Fang machen zu können. Dabei ließ er sich geschickt abdrängen, um sich hinfort unbehelligt seinem eigentlichen Ziel zuwenden zu können.
Und dann die Überraschung: Anders als im Sozialismus wollten nicht alle Wartenden das gleiche Produkt, vielmehr stob der Pulk schon sehr bald auseinander und so erklärt es sich, dass trotz und nach dieser ersten Attacke von allen Schnäppchen noch eine erhebliche Zahl übrig war. Ein Wunde für die Schlangenforscher, der davon ausgeht, dass Konsumentenschlangen stets ein Einpunkt-Ziel haben.
Dennoch: Wer den Geist der Mangelwirtschaft spüren möchte, der ist bei Aldi früh um 8 Uhr an einem der beiden Schnäppchentage pro Woche an der richtigen Adresse. Hier lebt der Osten im Westen.