Die Welt meiner Jugend war voller Bösewichter. Doch ich rettete sie, die Welt. Jedenfalls in meinen Wachträumen. In ihnen war ich edel, hilfreich und gut, vor allem aber stark. Meine Vorbilder waren nicht so sehr die reflektierten Typen, sondern die Draufgänger und Durchsetzungsfähigen. Identifikationspersonal stellte Karl May in Fülle bereit. Und auch das, was ich sonst noch las oder sah, erwies sich als Ressource, die es mir erlaubte, mein kleines Heldenreich zusammenzubasteln.
Eine meiner Glanztaten ging so: Die Russen (nach 1953!) waren in West-Berlin eingefallen, sie hatten fast schon die ganze Stadt in ihre Gewalt gebracht. Allein ein einzelnes Haus, zerbombt und zerschossen, leistete noch immer heldenhaft Widerstand. In vorderster Linie ich, der, über sein MG gebeugt, aus einer mehrstöckigen Ruine heraus den russischen Usurpatoren Einhalt gebot. Dabei trafen mich aus dem Hintergrund die bewundernden Blicke jenes Mädchens, für das ich damals gerade schwärmte. Auf meinem Rücken spürte ich das Brennen dieser Blicke und wurde so zu immer neuen Heldentaten getrieben. Manchmal starb ich auch im Kampf, dann weinte das Mädchen.
Ich war kein Einzelgänger, immer mit Gleichaltrigen zusammen, gut sozialisiert, weder depressiv noch ein Versager in der Schule. Anerkennung wurde mir zur Genüge zuteil. Und doch hatte ich solche Träume. Ich bin mir ziemlich sicher, dass jeder von uns sie hatte, obwohl wir nie darüber sprachen. Wir alle wollten das, was man heute Fame nennt. Vielleicht gehört das ja irgendwie zum Erwachsenwerden? Jedenfalls lernen wir in diesem Prozess, unseren Machttrieb zu sublimieren: Wir bringen den Anderen nicht um, sondern machen ihn zu einer Figur in unserem Spiel.
Was wir nicht hatten: Fernsehen, Games und Internet. Vielleicht sind es ja doch diese Medien, die unsere ganz normalen Allmachtsfantasien außer Kontrolle geraten lassen. Denn jeder Furz, ins Internet gestellt, erfährt ein tausendfaches Echo. Was will man mehr, wenn man Fame sucht?