Zu Weihnachten hat mir L. einen kulturellen und kulinarischen Führer durch die Stadt Damaskus, von Rafik Schamir aufgezeichnet, geschenkt. Ich habe angefangen, darin zu lesen, nicht nur um neue Anregungen zum Kochen zu erfahren, sondern auch etwas über diese mir unbekannte und angesichts der derzeitigen politischen Lage wohl auch unzugängliche Stadt. Noch in der Vorbemerkung (S.7) stieß ich auf eine Aussage, die weit über das Buch hinausweist: Schamir spricht davon, dass das erste Geheimnis dieser uralten Stadt die Tatsache sei, dass „viele Kulturen [dort] neben- und miteinander gelebt haben und immer noch leben“. Das modische Wort „Multikulti“ verwendet er nicht. „Ihr Gesicht formten die Menschen, die dort gelebt haben.“ Und dann fügt er eine Beobachtung an, ohne ausdrücklich einen Kausalzusammenhang herzustellen: „Schon immer hat eine besondere Freundlichkeit gegenüber Fremden Damaskus ausgezeichnet.“ Fremdenfreundlichkeit, weil man sich der eigenen Wurzeln und Lebenserfahrungen bewusst ist? Weil man selbstbewusst ist? Fehlt es den Xenophoben daran? Ist Ausländerfeindlichkeit eine Folge eines Mangels, des Mangels an Erfahrung, eine Folge der Provinzialität? Wenn wir eine Welt der Achtung vor dem Anderen schaffen wollen, ist es dann erforderlich, dass wir (individuell oder phylogenetisch) diese Achtung selber erfahren haben und uns dieser Erfahrung bewusst sind? Ja, vielleicht ist dieses Bewusstmachen, Bewussthalten der entscheidende Schritt, unsere Einstellung Fremden gegenüber zu verändern. Seit meiner Rückkehr aus Polen lässt mich der Gedanke nicht mehr los, dass Fremdenfeinlichkeit bei denen besonders gedeiht, die die Erfahrung des Fremdseins nie selber gemacht haben. Ich meine nicht das Fremdsein des Touristen oder Geschäftsreisenden. Solche Menschen haben einen besonderen Status, sie sind aus dem gewöhnlichen Alltag ausgenommen und stehen sozusagen unter diplomatischen Schutz. Ich meine das Fremdsein eines Menschen, der die Brücken zur Heimat hinter sich abgerissen hat, warum auch immer, und nun der neuen Sprache, den neuen Regeln, dem neuen Organismus voll und ganz ausgeliefert ist. Stanisław Lec hat es mal so gesagt: „Man muss Fremdsprachen lernen, um das Schweigen des Ausländers zu verstehen.“

Wer die Erfahrung des Fremdseins am eigenen Leib erfahren hat, wird eine innere Solidarität mit Fremden entwickeln, so wie oft ein Zusammenrücken zwischen Menschen „mit Migrations-Hintergrund“ beobachtet werden kann. Zwar gibt es in der Realität zahlreiche Rivalitätshandlungen zwischen „Fremden“ unterschiedlicher Herkunft, doch ist dies vielleicht eine andere Rivalität als zu den „Inländern“. Käme in einem Streit zwischen Angehörigen zweier rivalisierender Gruppen ein Einheimischer hinzu, er hätte wohl bald beide gegen sich.

Was folgt daraus? Ein erster Gedanke war, jeder Bürger eines Landes solle verpflichtet werden, anstelle von Wehrdienst oder sozialem Jahr eine entsprechende Zeitspanne im Ausland verbringen müssen, allein im Kampf um die Sprache, gezwungen zur Selbstbehauptung gegenüber Ämtern und Behörden, bereit zur Aneignung von Sitten und Gebräuchen (ich meine auch die ganz alltäglichen, wo man so furchtbar vieles falsch machen kann, etwa: Wie stellt man sich an? Wie bewegt man sich überhaupt in der Öffentlichkeit? ). Aber das habe ich dann doch verworfen, zuviel der Gutmensch-Diktatur.