Es gibt Tage, an denen liest sich die Zeitung weg, rasch und unkompliziert, als esse man ein Croissant zum Milchkaffee. Was bleibt, ist Altpapier. An anderen wieder reibt man sich an jedem zweiten Wort, überlegt, was einem der Schreiber eigentlich sagen will und warum er es gerade so sagt. Kommt nicht drauf, wird ärgerlich („Bin ich nun blöd oder der / die?“) Die wahren Highlights morgendlicher Zeitungslektüre aber sind jene, wo einem der eine oder andere Satz Einblicke in letzte Wahrheiten schlagartig eröffnet. Oder zumindest vorletzte. Sonst gäbe es ja nicht mehr viel zu tun.
Es sind Augenblicke wie im literaturwissenschaftlichen Seminar, wo einem die Antworten auf Fragen, die zu stellen man nie gewagt hätte, nur so nachgeschleudert werden. Heute bin ich an einen solchen Artikel geraten. Genauer: an ein Interview mit einem TV-Filmproduzenten, Benjamin Benedict. Eigentlich sollte er nur etwas über seinen geplanten Film „Die Pilgerin“ erzählen. Doch dann holt er zu Generaleinsichten aus: „Historische Stoffe werden häufig angegangen, weil sie etwas über die heutige Zeit aussagen.“ Whow! Wer hätte das gedacht! Aber er setzt noch einen drauf und besticht mit profunden mathematischen Kenntnissen: „Ich denke, dass das Mittelalter uns näher ist als die Antike.“ Und so kommt es wie es kommen muss: „Wenn man sich in die Vergangenheit begibt, hat man die Gegenwart immer dabei.“
Solche Sätze elektrisieren derart, dass man gleich die ganze Schale mit dem Kaffee umreißt. Zumal Benedict nachlegt: „Sind Erzählungen nicht auch immer Konstruktionen?“ Mit anderen Worten: Das Interesse an der Vergangenheit, an der Geschichte, ist zuvörderst ein Interesse an unserer Gegenwart, deren Probleme wir in die Vergangenheit projizieren. Dass unter solchen Umständen Geschichten konstruiert wirken, wen wundert’s? Unter autokratischen Regimes war es ein beliebter Kunstgriff der Autoren, die Gegenwart auf dem Weg über die Vergangenheit kritisch anzugehen. Schiller beherrschte das meisterlich.
Da stellen sich aber auch Fragen. Etwa nach den Gründen für die von Benedict konstatierten „Begeisterung für historische Filme“ im deutschen Fernsehen. Er präzisiert gleich, was er damit meint: „Die meisten sind extrem fokussiert auf die Jahre 1933 bis 1945 oder auf die DDR.“ (Man achte auf die delikate Umschreibung der Nazi-Zeit!) Ja, das war mir auch schon aufgefallen, die Welle an Hitler-Filmen, die zeitweilig in jeden Kanal schwappte (DDR weniger). Zeitweilig konnte man den Fernseher gar nicht anschalten, ohne in das Gesicht von Hitler beziehungsweise eines seiner Darsteller zu blicken.
Was nun gibt eine solche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit für das Verständnis der Gegenwart her? Welche unserer heutigen Probleme soll uns die Geschichte besser zu verstehen helfen? Komischerweise kneift der Produzent hier und macht eine überraschende Wendung: Für ihn sind historische Themen offenbar nur „ungenutztes Potenzial“. Das aber würde bedeuten, dass die Stoßrichtung der Erkenntnis umgedreht wird. Wir sollten vielleicht noch ein wenig nachdenken, Herr Benedict.