Sie gehörte zu einer Generation, die fast kaum noch existent war, die der doppelt Gebrochenen: Geboren und aufgewachsen in einer Diktatur, als Erwachsene in einer neuerlichen Diktatur lebend und schaffend, die vorgab, die alte niedergerungen zu haben. Doch diese Behauptung erwies sich schließlich als Lüge.

In einem Alter, in dem Jugendliche ihre Träume flugtauglich ausstatten, fand dieser nahezu lückenlose Übergang statt, als sie ihren Hass auf die braune Diktatur in entschiedene Zuneigung und politische Zustimmung zu jenen ummünzte, die behaupteten die Mittel zu kennen, um ein wiederholtes Sich-Ausbreiten der braune Pest im Keim ersticken zu können. Sie gehörte einer Generation an, deren jugendlicher Idealismus zweimal missbraucht wurde, um ganz andere Interessen, solche des Machterhalts, zu verfolgen.

Sie stand noch einmal ganz vorn, damals an jenem denkwürdigen 4. November 1989, als sie vor Zehntausenden auf dem Alexanderplatz die Menschen der DDR zum Bleiben aufrief, zur Realisierung jener Utopie, die die Nomenklatura verraten hatte. Sie hatte sich nicht auf das Podium gedrängt, sie wurde nach vorn durchgereicht, weil sie trotz mancher Kompromisse, die sie mit dem Regime einzugehen sich genötigt sah, nie ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt hatte.

Nun ist sie nicht mehr. Und dabei fällt auf, dass die so genannten Zeitzeugen nur noch begrenzte Zeit unter uns sein werden. Eile ist also geboten, will man noch etwas von ihnen mitnehmen, etwas lernen. Vielleicht dies: Wie man einen Staat errichtet, der aus all den schrecklichen Fehlern gelernt hat, und wie ein integrer Staat nicht beschaffen sein darf.

Möglicherweise ist es dazu schon zu spät. Das bedeutet für uns Jüngeren, dass wir uns nicht an ihren Visionen ausrichten können, sondern selber unseren Weg suchen müssen, eine „wahrhaft demokratische Gesellschaft zu gestalten“ ohne den zahllosen Versuchungen eines guten Lebens zum Opfer zu fallen. Nicht das schlechteste Vorhaben. Und als Leuchtturm wenigstens wird sie uns dabei helfen. Christa Wolf starb am 5. Dezember 2011,