Der früh Vollendete und (daher) früh Verstorbene lebte schon immer in den Herzen der Menschen fort. Selbst die sonst eher dem Dissens zugewandte Arbeiterpartei Polens und die Arbeitenden ließen sich in dieser Frage nicht auseinanderdividieren: Chopin, – das sind wir!
Das war zu sozialistischen Zeiten unbestritten so, ist aber noch heute so. Keine andere historische Figur vermag da hinsichtlich Integrationsmächtigkeit mitzuhalten. Im Gegenteil: Chopin ist, aufgepeppt und frisch gestylt, heutzutage präsenter denn je, omnipräsent gewissermaßen.
Die sonntäglichen Konzerte im Warschauer Park Łazienkowski, ausschließlich und seit Jahrzehnten mit den bekanntesten Werken des Meisters bestückt, haben es nicht vermocht, – trotz bester Voraussetzungen – , einen Keil zwischen den Meister und seine Bewunderer zu treiben. Schwereres Kaliber muss deshalb her: Entlang der Krakowskie Przedmieście, der dem historischen Königsweg folgenden Flanierstraße von Warschau, sind Zelte errichtet, unter denen Titanen des Klaviergewerbes Chopins Musik zelebrieren. Dass einige dazu der Noten bedürfen, trübt natürlich den Gesamteindruck, doch man schluckt die Kröte und läßt sich von Musiktankstelle zu Musiktankstelle auf den Flügeln der Mazurken (Vorsicht bei den Scherzi!) tragen.
Irgendwo auf der Höhe der Universität (dem klassischen Hort des Widerstands) versuchte eine dünn besetzte Rockband, der Infiltration mit eleganter Süße eigenes musikalisches Tun entgegenzusetzen. Mit offenbar geringem Erfolg, denn als ich zurückkam, war sie verschwunden.
Auch der Fantasie hinsichtlich Reinkarnation des Meisters in Schokolade oder Marzipan sind keine Grenzen gesteckt. Der Höhepunkt war für mich die Neuinterpretation eines so genannten Zebrastreifens als schwarz-weiße Klaviertastatur (Nähe Kulturpalast). Wissen die Autofahrer eigentlich, was sie dort zu tun haben? Nicht, dass da einer sich in der Kunst des Glissando übt oder rüberbrettert und zu seiner Entlastung angibt, es habe da ja kein Pausenzeichen gestanden.
Jeder Ort sucht sich unter seinen namhaften Söhnen und Töchtern gern solche aus, die sich zur Promotion des Tourismus vermarkten lassen. Es könnte zum Gradmesser höherwertiger Kunst werden, wenn der eine oder die andere nicht Opfer dieser Marketingstrategie wird. Mozart hat’s erwischt, Chopin auch. Elfriede Jelinek dagegen wird wohl ungeschoren davon kommen.