Heutzutage kann man kaum noch einen Arzt aufsuchen, ohne dass dessen Gehilfinnen einem einen Kaffee kredenzen. Woher kommt diese Sitte? Neben der immer richtigen Standardantwort („Amerika“) fällt mir noch ein starkes Motiv ein: das schlechte Gewissen wegen der Praxisgebühr. Vielleicht täusche ich mich ja auch, und derartige Vergünstigungen erhält der Patient nur dann, wenn er privat versichert ist. Vielleicht ist es ja auch nur der Versuch, den Krankenkassen und -versicherungen gegenüber die Kostensteigerung im Gesundheitswesen schmackhaft zu machen.

Nun hat mich das Inforadio rbb auf ein weiteres Deutungsmuster aufmerk- sam gemacht. Auf einem Berliner Friedhof hat ein Café eröffnet, möglicherweise das erste seiner Art in Europa. Auf jeden Fall aber in Berlin. Hier können die Hinterbliebenen das durch den Tod so abrupt abgebrochene Gespräch mit ihren Dahingegangenen fortführen, zumindest aber wieder aufnehmen. Eine charmante Idee, wenngleich die Interessen der Diesseitigen etwas zu vorrangig bedient werden. Bei denen nämlich liegt die Neugierde, wie es wohl „drüben“ aussehen mag, ganz weit von .. Die Jenseitigen dagegen kennen ja nun beide Seiten. Andererseits können die Noch-Lebenden den anderen erklären, warum sie seinerzeit nicht mehr getan haben, sie im Leben zu halten und so massiv ihr Gewissen zu entlasten.

So kann der Kaffee beim Doktor als Einübung in eine neuartige Kommunikationsform zwischen Diesseitigen und Jenseitigen, Dahingeschiedenen und denen auf der Warteliste gesehen werden, welche die zu entrichtende Praxisgebühr in einem neuen, und zwar positiven Licht erscheinen lässt. Denn die intersphärische Kommunikation könnte eine durchaus heilsame Wirkung entfalten. Wenn an nämlich davon ausgehen muss, den anderen per mortem nicht ein für alle Mal loszuwerden, wird man vielleicht etwas verantwortungsvoller zu handeln bemüht sein. Womit wir doch wieder bei der Religion wären.