In Aachen wollen SPD und Grüne den öffentlichen Personennahverkehr revolutionieren, indem sie die Menschen im Stadtzentrum gratis fahren lassen, man könne nach Belieben ein- und aussteigen. „Das gibt es in keiner anderen Stadt!“ jubeln die Grünen. So in der taz vom 24./25. Januar auf Seite 6.
Mal abgesehen davon, dass man hoffentlich in jeder Stadt nach Belieben ein- und aussteigen kann (sofern das an Haltestellen geschieht), muss ich jedoch hinsichtlich der Kostenfreiheit den Aachenern ein wenig Essig in den Wein träufeln. Denn in Berlin ist das schon lange so. De facto jedenfalls.
Es gilt zwar das Gebot, dem Fahrer beim Einsteigen den Fahrschein zu zeigen (nachdem man die vormalige Wahlfreiheit bei der Einstiegstür aufgehoben hatte), doch in der Praxis kümmert sich kein Fahrer darum, was ihm da gezeigt wird, sofern es auch nur eine entfernte Ähnlichkeit mit einem der gängigen Fahrscheintypen aufweist. Ich habe das über einen längeren Zeitraum hinweg getestet.
Anfangs habe ich meinen korrekt erstandenen Fahrschein beim Vorzeigen umgekehrt gehalten, dann seitenverkehrt. Keine Reaktion. Die Fahrer guckten entweder ostentativ in eine andere Richtung oder durch den Fahrschein hindurch. Wer soll auch auf diese Entfernung und bei dieser schummrigen Beleuchtung irgend etwas Kleingedrucktes erkennen können? Zumal die meisten Busfahrer in einem Alter sind, wo sie eine Brille benötigen. Und wenn sie eine aufhaben, dann eine Fernsichtbrille. Und das ist auch gut so, schließlich sollen sie ihre Fahrgäste ja sicher durch den Verkehr kutschieren.Übrigens scheinen viele Busfahrer ihre Aufgabe, die Fahrscheine zu kontrollieren, stillschweigend zu boykottieren. Nicht nur, indem sie wegschauen, sondern auch dadurch, dass sie an Haltestellen mit besonders vielen einsteigenden Fahrgästen es dulden, dass diese auch durch andere Türen in den Bus strömen.
Nach dieser ersten Testphase wurde ich kühner und stiftete meinen Enkel an, ein falsches Ticket, mit dem ich ihn ausgestattet hatte, vorzuzeigen. Immerhin war der damals bereits im strafmündigen Alter. Ich selbst hielt mich im Hintergrund, um notfalls jede Beziehung zu dem Übeltäter abstreiten zu können. Auch dieses Vergehen blieb folgenlos. Dann begann ich, mit meinem 10-Uhr-Ticket schon am frühen Morgen zu fahren, klappte prima. (Ich hatte allerdings meine Uhr vorgestellt.) Als ich dann auch noch Tickets bereits verflossener Monate hinzuhalten begann, wurde mir doch etwas mulmig und ich sicherte mich ab. In einer anderen Tasche hielt ich die aktuelle Monatskarte bereit. Doch diese Vorsichtsmaßnahme – wie auch alle anderen – erwies sich als überflüssig.
Ich fahre ziemlich viel mit dem Bus. Nehmen wir einmal an, es ginge mir tatsächlich darum, Geld zu sparen und nicht um die Durchführung eine empirischen Studie, dann hätte ich eine ganze Menge davon bei mir halten können. Aber, wie gesagt, ich habe ja (meistens) nur so getan. In den ganzen fünf Jahren, während derer meine private Versuchsreihe lief, erlebte ich nur eine einzige Kontrolle im Bus!n nie kontrolliert wird. Was ist das Fazit? Andere denken darüber nach wie man den Öffentlichen Personennahverkehr revolutionieren könne, , Berliners just do it! Und auch ihr in all den anderen Städten solltet daran glauben und euch gegenseitig zurufen: Yes, we can!