Asylbewerber in ganz Deutschland hatten sich zu Fuß auf den Weg nach Berlin gemacht, um gegen ihre Lebensbedingungen während der Wartezeit bis zur Entscheidung zu protestieren. Damit fordern sie ein Menschenrecht ein, meinten sie. Vertreter der Regierung und des zuständigen Ministeriums dagegen sehen das Grundrecht der Flüchtlinge auf eine schnelle Abschiebung gefährdet.
Wie immer in solchen Fällen blieb es der Polizei überlassen, praktische Politik zu betreiben. Sie nahm den Demonstranten also alles weg, was diese zu längerem Verweilen hätte verführen können. Oder was ihnen die Möglichkeit gegeben hätte, mit dem Boden zu verwachsen, den sie besetzt hatten. (Zwischenfrage: Brauchen wir den Oranienplatz wirklich?) Und das taten sie, die Vertreter der Staatsgewalt, offenbar recht ruppig. Ist ihr Dienstherr doch endlich wieder einmal jemand von der eigenen Couleur.
Doch da war noch die Presse, die berichtete ziemlich kritisch über das Vorgehen der Polizei. „Unbotmäßige Gewalt“ hätten die Beamten ausgeübt, hieß es in der Anmoderation zu einem Beitrag im Inforadio RBB. In dem war dann zwar von „unverhältnismäßiger Gewalt“ die Rede, doch der Pfeil hatte getroffen: Ich kann seither über nichts anderes mehr nachdenken als über „unbotmäßige Gewalt“. Was das wohl sein mag?
In meiner lexikalischen Not wandte ich mich dem tief eingestaubten „Wahrig“ zu. „Unverschämt“, „frech“ stehen dort als Synonyme für „unbotmäßig“. Dann noch: „dem Gebot der guten Sitte […] nicht entsprechend“. Was mich in neuerliche Selbstzweifel stürzte. Ist Gewalt nicht immer irgendwie „dreist“?
Nach meinem Empfinden müsste das Wort etwas mit „Bote“ zu tun haben, dem Überbringer von Nachrichten und Dingen oder so. Und in der Tat, was der Bote überbringt, ist – so das Wörterbuch – „das Bot“, was im Mittelhochdeutschen für „Gebot“ steht. „Unbotmäßig“ in diesem Sinne ist also „nicht befehlsgemäß“.
Na schön. Ich hätte eher auf „nicht einem Boten gemäß“ getippt (quod licet Iovi, non licet bovi – stimmt es, dass „Bulle“ da her kommt?). Man kann damit zufrieden sein, gemeint aber war wohl etwas anderes.
Schön wäre es nur, wenn so mancher Journalist sich etwas mehr Mühe mit der deutschen Sprache machte. „Unbotmäßige Gewalt“ ist nun einmal ein Widerspruch in sich, reiner Unsinn. Sollte man also den Einbürgerungstest auch für angehende Journalisten zur Pflicht machen?