Der erste Deutsche, der in der Nachkriegszeit den Aufstieg in die Liga des internationalen Jetset geschafft hat, war nicht Konrad Adenauer, sondern Gunter Sachs, der Playboy. Er ist nicht mehr. Im Alter von 76 Jahren hat er sich küztlich erschossen. Da sein Vater das auch schon getan hatte, ist nicht ganz klar, wie hoch der genetische gesteuerte Antrieb zu dieser Tat war. In einer Art Bekennerbrief klagte Sachs, der Jüngere, über seine zunehmende Vergesslichkeit. Sachs selber deutete an, er wolle durch seine Selbsttötung einer Demenzerkrankung entgehen und so in Würde sterben. Alle tippten auf Alzheimer.
Das allein kann’s aber nicht gewesen sein, dann müsste sich ja ein Großteil der deutschen Bevölkerung bereits den finalen Schuss gesetzt haben. Wie oft stehe ich im Supermarkt herum, nur weil ich nicht weiß, was ich kaufen wollte! Um dann, in Panik geratend, völlig sinnlose Sachen zu kaufen, die ich mit Sicherheit nicht benötige.
Der Schlüssel liegt anderswo: Unser Playboy war ganze drei Jahre mit Brigitte Bardot verheiratet. Das allein machte ihn schon zur Zielscheibe der Neidgefühle fast aller Männer. Die gedankliche Verknüpfung von Sachs und Bardot wirkte selbstreferenziell: Der alternde Lebemann wurde durch die Medien ständig mit seiner großen Vergangenheit als Womenizer konfrontiert, an die er sich zunehmend weniger erinnerte. War es das, was er zu vergessen fürchtete? Dass er mit der Jahrhundertfrau Bardot zusammen gewesen war? Oder konnte er sich nicht mehr daran erinnern, wie es mit ihr war? In eine Situation also geriet, nichts mehr von dem zu wissen, um das ihn die halbe Menschheit beneidete.
Lieber Gunther Sachs, – ich kann das nur zu gut verstehen! Ich weiß nicht, was ich an Ihrer Stelle getan hätte, wenn ich die Bardot nicht nur realiter, sondern auch mnemonisch verloren hätte. Wahrscheinlich hätte ich mich auch umgebracht, denn was hat das Leben für einen Sinn, wenn ich den Jackpot geknackt habe und nichts davon weiß?
Ein Nachtrag: Heute sprang mir schon von weitem die Überschrift einer Boulevardzeitung am Kiosk neben der Bushaltestelle ins Auge: „Kann ich Alzheimer selbst erkennen?“ Offenbar hat die Selbsttötung von Gunter Sachs eine Schneise der Verunsicherung durch das deutsche Gemüt geschlagen.
Die üblichen Experten antworten auf die üblichen Fragen. Ich habe sie nicht gelesen, doch zwei Antworten auf diese Titel-Frage vermag selbst ich zu geben: 1. Ja, aber was habe ich davon, wenn die das Ergebnis gleich wieder vergesse? 2. Wenn sich jemand an eine Beziehung mit Brigitte Bardot (ersatzweise: Marylin Monroe, Claudia Cardinale oder Errol Flynn) NICHT erinnern kann, dann hat er Alzheimer.