… fragt zu Recht die taz. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich spiele gern Klavier. Und manche Menschen hören mir sogar zu. So hielt ich denn Klavierspielen lange Zeit für eine ganz wichtige Bildungseinrichtung.
Bis mich dann eine Kollegin aufklärte. Sie habe sich als Jugendliche zu jedem Geburtstag gewünscht, mit dem Klavierspielen aufhören zu dürfen. Und neulich hieb einer meiner Ärzte in dieselbe Kerbe, als ich mit ihm über die Frage plauderte, ob der Erhalt der Klavierspielfähigkeit aufwendige therapeutische Maßnahmen rechtfertige. Seine Klavierlehrerin mit einem einseitigen Hang zu Bach, so der Doktor, habe ihn in die Flucht getrieben. Außerdem sei er sowieso „anders gewickelt“. Wahrscheinlich meinte er das im Hinblick auf seinen Musikgeschmack, doch ich wagte nicht nachzufragen.
Und so zögere ich heute, wenn ich das Klavierspielargument höre. Werden die armen Würmchen, die ohnehin durch ihr karges Pausenbrot und ihre Billigklamotten diskreditiert sind, durch Klavierspiel nicht noch mehr zum Außenseiter gemacht? Möglicherweise gehört es ja zur deutschen Leitkultur, doch cool ist Klavierspielen ganz bestimmt nicht. Es empfiehlt sich also, wenn der Zögling wider Erwarten Gefallen daran gefunden haben sollte oder noch keine Fluchtwege entdeckt hat, tagsüber deutlich sichtbare Tapes um Hand und Arm zu tragen, damit niemand auf den Gedanken kommt, er habe für sein uncooles Hobby dem armen Vater die 5 Euro monatlich entzogen, die der doch für seinen Alk-Konsum braucht!