Ich lese gern, besonders gern beim Frühstück. Es bedarf zwar einiger Verrenkungen und Verschiebungen, um den erforderlichen Platz freizuschaufeln, aber es gibt nichts Schöneres, als nach vollzogenen logistischen Vorbereitungen sich zurückzulehnen, herzhaft in das Dinkelbrötchen mit Leberwurst zu beißen und dabei die neuesten Spekulationen über die K-Frage bei den Linken sich reinzuziehen.

Es muss auch eine Zeitung aus Papier sein! Woraus sonst soll ich die Keimtöpfchen im kommenden Frühjahr basteln? Und vorher noch den Kater von der Butter vertreiben? Da muss was massiv Körperliches her, Elektronik schreckt doch keine Katze, zumal die Kästchen, in denen sie (die Elektronik) untergebracht ist, immer kleiner werden.

Kritisch wird es allerdings, wenn das Papier rosa ist, oder wie der Herausgeber sagt: lachsfarben. Nicht dass das unterschwellige homophobe Reflexe bei mir aktivieren würde, nein, ich mag die Farbe einfach nicht

Ich bin nicht nur eifriger Zeitungsleser, sondern sammle auch Werbegeschenke oder Geschenke für Neuleser. Tolle Sachen gibt`s da: Armbanduhren, um zu wissen von wann die in der Zeitung gemeldete nächste Kreditzusage für Griechenland eigentlich datiert, Funkuhren, um den Zeitungsboten nicht zu verpassen, Rollköfferchen, um die gelesenen Zeitungen im nächsten Altpapier-Container zu entsorgen, Frühstücksbrettchen mit eingebrannten Szenen aus der Lieblingssportart des Lesers und noch vieles mehr.

Ich weiß nicht mehr genau, was es bei der Financial Time Deutschland (oder wie wir Insider sagen: FTD) war, das mich angezogen hatte, vermutlich brauchte ich wieder mal eine Uhr. Statt zu Woolworth zu gehen und mir für 20 Euro eine halbwegs zuverlässige Armbanduhr zu besorgen (das Problem sind stets die Armbänder! Die Uhren gehen selten kaputt.), erwarb ich ein dreimonatiges Probeabo. Jeder halbwegs taffe Grundschüler hätte mir vorrechnen können, dass das teuer wird, zumal wenn wie bei mir eine Neigung zum Vergessen von Kündigungsterminen besteht.

Es kam, wie es kommen musste: Ich ignorierte die Zeitung, die Zeitung (bzw. ihre Verwaltung) drohte mir, ich schenkte sie meinem Putzi (männliche Putze), einem Freizeitzocker. Der erzählte mir dann beim Kaffeetrinken die neuesten Nachrichten aus der schönen neuen Finanzwelt. Es hätte so schön sei können, wenn sich die blöde Zeitung nicht darauf versteift hätte, von den Lesern gestreichelt zu werden. Mit Fragen vom Kaliber: „Wie war ich?“ rückte sie mir telefonisch auf den Pelz, so nah, dass sogar ich mich zu einer Kündigung durchrang („… zum nächstmöglichen Zeitpunkt…“). Auch dann war die neugierige FTD noch nicht zufrieden, wollte wissen, weshalb ich gekündigt hatte. In einem Anfall von Verzweiflung sagte ich: „Ich habe eine Rosa-Allergie.“ Ich bekam noch mit, wie ihre Kollegen ihr beisprangen, das umgestürzte Call Girl, Entschuldigung: Callring Girl vom Boden aufzukratzen, doch da hatte ich den Hörer bereits wieder aufgelegt.

Diesmal habe ich einfach gar nicht reagiert, den Stapel der FTD-Schreiben vielmehr auf 5 cm anwachsen lassen. Dann zog ich einen dieser Briefe und öffnete ihn. Ich hatte Glück: Es war der mit der „letztmaligen Mahnung“. Ich zahlte hastig und erhielt ab sofort keine Informationen mehr aus der Finanzwelt. Ma hatte mich schnöde von der Liste der Abo-Würdigen gestrichen!

Dass es ein Fehler war, zu zahlen, wurde mir klar, als ich vom weiteren Schicksal der FTD erfuhr: Je mehr Menschen, die wie ich moralisch unter Druck gesetzt worden waren, ihre Schulden berappelten, desto länger überlebte das Blatt. Das aber war völlig sinnlos, gab es doch nichts an ihm, was wert gewesen wäre, zu überleben.

Ein Rest an Skrupeln aber bleibt. Kurz vor Weihnachten erhalten nun die Mitarbeiter, die journalistischen und technischen, das Kündigungsschreiben. Hunderte von Kindergesichtern werden ungläubig auf die leeren Bescherungsteller starren, ungläubig, jawohl! Weil er leer sein wird, bestenfalls wird seine Blöße mit einem Restexemplar der FTD verdeckt sein. Und das zu Weihnachten! Hätte ich noch ein wenig durchgehalten, könnten ihre Augen glänzen, ein letztes Mal vielleicht noch vor der Pubertät.

Aber ich war wieder einmal auf dem Ego-Trip (Rosa-Allergie – ha, ha!), musste das Weltbild dieser nun geistlichen Waisen zerstören. Könnte ich die FTD wieder bestellen, ist täte es auf der Stelle. Aber es gibt sie nicht mehr. Ich habe sie auf dem Gewissen!

8.. Dezember 2012