In einem Gespräch mit einem deutschen Journalisten beklagte die türkische Schriftstellerin Sema Kayusuz (41 Jahre) die zunehmend nationalistischer werdende Stimmung in der türkischen Öffentlichkeit, die leichtes Spiel gegen die eher passive Masse habe. Ein kurzer Ausschnitt aus ihrer Schilderung eines Vorfalls, der richtungsweisenden Charakter haben könnte:
Sie habe mit einer Freundin am Ufer des Bosporus gesessen, als eine Horde von Nationalisten sich auf Booten vom Meer her näherte. Im folgenden O-Ton der deutschen Übersetzung ihrer Schilderung, wie sie am 22.08.2016 in der Sendereihe „quergelesen“ ausgestrahlt wurde:
„Neulich kamen sie mit Booten nah ans Ufer und spielten Lieder der osmanischen Janitscharenkapelle. Dann noch irgend ein Lied in dem Allahakbha“ vorkommt“. Dann das Reggyp-Erdogan Lied. Und anschliessend die Nationalhymne, verbunden mit der Forderung aufzustehen. Und alle sind aufgestanden. Das war wie im Deutschland der 30er Jahre. Nur wir zwei Frauen nicht. …“
In der benachbarten Moschee ruft der Muezzin zum Nachmittagsgebet. Sema bietet Tee an, überlegt es sich anders und holt Bier aus der Küche. Wie um zu zeigen, dass es sie doch noch gibt, die andere,die aufgeschlossene, die reformorientierte, die emanzipierte Türkei.
[Mitschrift einer Passage aus der o.g. Sendung]