Die Natur besteht aus Jägern und Gejagten, Tätern und Opfern. Und in der Regel ist ein und dasselbe Individuum beides zugleich.

Doch es gibt ungeschriebene Regeln, wonach in bestimmten Situationen die Nahrungskette nicht geschlossen wird. Offenbar überfällt ein Tier das andere nicht während des Schlafes. Der Mensch allerdings macht auch in dieser Hinsicht eine unrühmliche Ausnahme. Richard III., König von England, ließ seine Neffen, die in der Thronfolge vor ihm rangierten, im Tower während des Schlafs mittels ihrer Kopfkissen ersticken. Shakespeare zeigt es uns. Und dass auf dem Liebeslager munter gemeuchelt wird (Othello), wen wundert’s? Ist doch der Mensch kaum jemals so wehrlos wie in solch einer Situation.

Ich hatte bisher geglaubt, das einzige Sanctuarium, in der der Mensch vor Angriffen seiner Feinde geschützt ist, sei die Nahrungsaufnahme. Doch weit gefehlt, eine Radiosendung heute Morgen hat mich aufgeklärt. Löffel gab’s früher nicht, man nahm die „Pfoten“, trank Flüssiges. Gabeln benutzte man aus Prinzip nicht, galten die doch als Dreizack des Teufels. Und das Messer, das jeder bei sich trug, diente ihm zugleich als Waffe.

Und wenn ich dann den Blick über den Tellerrand erhebe, wird mir klar, dass auch in anderen Kulturen die Nahrungsaufnahme als Schwachstelle ausgenutzt wurde. Noch heute führt uns der japanische Regisseur Kitano Takeshi („Hanabi“) vor Augen, wie leistungsfähig in dieser Hinsicht einfache Essstäbchen (aus Holz!) sein können.

Wer sich dergestalt hochgerüstet mit einem anderen zum Mahl niederlässt, muss Signale der Friedfertigkeit aussenden, um nicht selber ins Operationsfeld des Gegenüber zu geraten. Im gesamten arabischen Raum isst man gleich mit den (gewaschenen!) Fingern. Und ein koreanischer Freund demonstrierte mir, wie man in seiner Heimat dem anderen Reiswein einschenkt: die rechte Hand hält die Flasche, die Linke fasst dabei die Rechte am Handgelenk. Um die große und schwere Flasche zu stabilisieren und nichts zu vergießen, dachte ich. Keineswegs, klärte mich der Koreaner auf. Wenn er die unbeschäftigte Hand so binde, könne der andere sicher sein, dass er hinter dem Rücken keine Waffe bereit halte.

Honi soit qui mal y pense.