Mal ehrlich, Berliner: Wusstet ihr, worauf ihr euch eingelassen hattet? Damals, als ihr unbedingt deutsche Hauptstadt werden wolltet? Wir wollten nicht werden, wir waren deutsche Hauptstadt, höre ich da manchen knurren. Es sei nur noch darum gegangen, Bonn das klar zu machen.

Tja, wäret ihr weise gewesen, hätte man eure Stadt zur Kompensation des Hauptstadt-Statusverlusts mit schicken internationalen Einrichtungen ausstaffiert. Und vor allem: Ihr hättet nicht mit dem Grundübel der Demokratie, der freien Meinungsäußerung zu kämpfen. Keine Demos also und: keinem oder fast keinem Staatsmann von draußen käme es in den Sinn, euch in offizieller Mission zu besuchen.

Aber das sei doch gerade das Schöne an einer Hauptstadt: Jeder will hin! Ja, genau. Und dann haben wir den Salat: Jede zweite Straße ist gesperrt, manchmal dürfen die Anwohner nicht einmal ihre Wohnung verlassen, müssen immer ihren Mietvertrag bei sich tragen und sollen es dann auch noch leiden, sich nach explosivem Gepäck durchsuchen zu lassen.

Ich weiß, wovon ich rede! In Warschau konnte ich einmal wegen einer europäischen Konferenz drei Tag lang meine Wohnung nicht verlassen. Und das, ausgestattet nur mit einem Knoblauch-Kochbuch, doch ohne Knoblauch. Es gibt nichts demütigenderes als sich drei Tage lang Knoblauch vorstellen zu müssen für Rezepte wie dieses, das für eine schlichte Suppe 14 (!) Zehen Knoblauch verlangte! Und dabei war das Bier schon ausgegangen.

Nun, so also sieht die traurige Realität eines Hauptstädters aus: Die S-Bahn fährt ohnehin nur sporadisch und dann so überfüllt, so dass man von den olfaktorischen Attacken der dicht an dicht sich drängenden Nebenleute besinnungslos in die Knie zu gehen droht. Und wenn ein hoher Staatsgast mal durchs Brandenburger Tor latschen will, dann wird das für ihn – bitte sehr – schon mal schnell dicht gemacht. Alle Räder halten still, wenn dein starker Arm es will, Bundesregierung. Selbst Autos sind davon betroffen, Autos, vor denen noch jeder in die Knie geht, wenn er damit nur das Totschlagargument der drohenden Arbeitsplatzvernichtung aus der Tasche ziehen kann. In der Tat: Es gibt eine, zumindest eine höhere Instanz als das Auto. Die sind nämlich nur das Spielmaterial für unsere ökonomische Monokultur.

Aber damit ist noch nicht Schluss: Auch jeder Bauer aus der Provinz vermag das Getriebe der Metropolis lahm zu legen, wenn er sich nur hinreichend Sorgen wegen der Vorschriften betreffs des Griebenanteils im europäischen Schweineschmalz macht. Doch es kommt noch doller: Mehrmals im Jahr rollt eine Lawine menschlicher Körper über 20, 42, ja gar 100 Kilometer und stoppt damit jegliche Mobilität.

Nein, so geht das nicht weiter. Zwar habe ich aus der Einsicht heraus, ein Vorwärtskommen in der Hauptstadt werde nur noch beschränkt möglich sein, mein Auto abgeschafft und bin aufs Fahrrad umgestiegen, doch der Papst setzt auch das Radl schachmatt.

Was tun? Denn so geht es nicht weiter! Ich schlage vor, alle Sperrungen von Straßen und sonstige Behinderungen auf einen Tag im Jahr zu konzentrieren. Na ja, vielleicht ist das ein bisschen heftig. Also diversifizieren wir: einen Tag für Staatsbesucher, einen für Demonstranten und noch einen für Extremsportler. Das müsste zu schaffen sein, man muss den vorhandenen Platz nur sinnvoll nutzen. So könnte man die Routen für Demos durch den Grunewald führen, den Teufelsberg rauf du runter. Die Reihen würden sich sehr schnell lichten.

Noch wirkungsvoller aber wäre es, wenn man die Welten (also die Demo-Typen) mischen würde. So könnte der Papst sich mit den Schwulen und Lesben auf die Waltz begeben, Palästinenser würde in einer Schlachtordnung mit den Israeli ihren Konflikt paradigmatisch austragen können. Und wenn die Rollis auf die Fluglärmgegner träfen – was ginge da die Post ab! Das Ergebnis solcher Spontan-Treffen könnte mehr erbringen als die Riesenkonferenzen, die sich doch immer nur vertagen.

Und noch einen Vorteil sehe ich: Endlich könnten die untätig vor sich hindämmernden und Fett ansetzenden Politiker-Doubles artgerecht eingesetzt werden: