Das Frühstück ist das eines Freitags: Reste, leicht aufgepeppt, aber nicht so, dass volle Aufmerksamkeit gefordert wäre. Der kulinarische Tiefpunk vor dem Sonntag.
Die Aufmerksamkeit gilt ein wenig mehr der Zeitung, besser: ihren Schlagzeilen, auf der Suche nach Widerhaken, an denen man sich festmachen könnte. Dennoch erfordern beide Tätigkeiten, Essen und Lesen, schon ein gewisses Maß an Konzentration, so dass es das Radio, das nichts fordert, aber viel verspricht („Alles was Sie wissen müssen, alle zwanzig Minuten“), leicht hat, Aufmerksamkeitsreserven zu binden. Dabei ziehen auch dort nur Wortbausteine vorbei.
Doch plötzlich knallt’s, ein Lokalpolitiker hat sich in seinen Worthülsen verstrickt und strampelt nun, sich aus der Falle zu befreien, viele Ähs und Öhs legen Zeugnis ab von seinem verbalen und intellektuellen Überlebenskampf. „Erziehungsbedürftige Kinder“ sind ihm aus dem Mund gerutscht. Da ich nicht genau im Bilde war angesichts der Bedeutungslosigkeit der dahinplätschernden verbalen Blindgänger, weiß ich nicht, worum es eigentlich geht. Scheint aber nicht ganz nebensächlich zu sein: „Alles was Sie wissen müssen!“
Schließlich landet der Lokalpolitiker bei dem unterschwelligen Stichwortgeber: pflegebedürftige Alte. Eine interessante Melange: Pflege und Erziehung. Doch hat der Mann da nicht vielleicht, ohne es zu wollen, eine richtige Spur gelegt? Das Wort ist gewöhnungsbedürftig, gewiss, aber es trifft einen Kern, sagt etwas, was man wissen, zur Kenntnis nehmen sollte: Bedürfen Kinder nicht der Erziehung? Und nicht nur eines Bildungsgutscheins? Letztere passen halt besser zum Zeitgeist, die Kids sind ja auf Konsum konditioniert.
Da wir schon mal dabei sind: Wo es Erziehungsberechtigte gibt, versteht es sich von selbst, dass auch ein Widerpart existiert, also Erziehungsverpflichtete oder eben – etwas gefälliger im Denkansatz – Erziehungsbedürftige. Allerdings erweist sich die Sprache hier als doppeldeutig: Sind Erziehungsverpflichtete Personen, die verpflichtet sind, andere zu erziehen (also im aktivischen Sinne)? Oder sind es doch Objekte der Erziehung, die diese an sich geschehen lassen (müssen)? Da ist viel Platz für Interpretation!
Ob wohl nach der Pflegeversicherung auch eine Erziehungsversicherung dem Staat neues Geld in die Kassen spülen wird? Spätesten dann muss geklärt sein, ob die uns vor der Erziehung schützen soll oder vor deren Ausbleiben.