Badewannen haben einen schweren Stand in Zeiten zunehmenden Energiebewusstseins. „Da lass ich ne halbe Stunde Wasser ein, sitze fünf Minuten drin und das war’s dann! Viel zu heiß das Wasser. Und überhaupt, was macht man in so einer Wanne?“
Diesen Satz las ich heute Morgen in der taz. Gesagt haben soll ihn ein Par- kettleger. In welcher Beziehung der zu dem stehen soll, der die Äußerung zu Papier gebracht und überliefert hat, wird nicht so ganz klar, aber immerhin, sie dient dem Autor zu einer Laudatio auf die Badewanne. Der kann ich nur aus ganzem Herzen zustimmen, auch wenn das mit der Energiebilanz so falsch ja auch nicht ist.
Einmal in der Woche lasse ich die Dusche hängen und setze mich in die wohl gefüllte Wanne, um zu relaxen und – wie der Schreiber der Glosse – neue Textideen zu bekommen. Waschen allerdings tue ich mich dort nicht, sechs Tage Dusche pro Woche müssen reichen. Neben der Hingabe an Kreativität und Wohlbefinden (hat das miteinander zu tun?) werde ich in der Wanne auch noch nostalgisch. Denn unwillkürlich denke ich an das Badevergnügen in Japan, das sich so gar nicht nach Deutschland verpflanzen lassen will. Nicht nur, weil dem offenbar Bau- vorschriften entgegenstehen, sondern weil sich hier nie ein vergleichbares badekulturelles Bewusstsein entwickelt hat, das in dem Eintauchen ins Wasser in erster Linie einen Akt der Entspannung sieht. Und nicht so sehr der Reinigung. Folgerichtig hat man in Japan beide Vorgänge voneinander getrennt: Erst kommt die Reinigung, die gilt es mittels fließenden Wassers, Zuber und Seife außerhalb der Wanne zu vollziehen. Dann, wenn man sich gesäubert und den Schmutz des Tages abgespült hat, und nur da kann man in das Badewasser steigen, um dort dem Entspannungbedürfnis zu frönen. Wer das nach einem Tag mit hochsommerlichen Temperaturen bei sauna- mäßiger Luftfeuchtigkeit einmal genossen hat, wird es nie wieder missen wollen.
Der Aufwand scheint hoch, wenn man für Reinigung und Wellness getrennte Wasserversorgung veranschlagt? Nun, ich vergaß zu erwähnen, dass der gereinigte Körper nicht exklusiv in das Wannenwasser eintaucht, sondern dass jeder Teilnehmer am Kollektivbad, sei es in der Familie, sei es in einer zufällig zusammengewürfelten Gemeinschaft etwa eines Hotels, dasselbe Wasser, immer wieder aufgewärmt und gegebenenfalls ergänzt, nutzt. So können vier Personen (oder auch mehr) mit einer Wannenfüllung auskommen, ohne auf die Reinigung zu verzichten.
Heute ist diese Ausstattung Standard in japanischen Wohnungen (Typ „Kaninchenstall“), früher, bis noch in die 70er Jahre , wiesen ein solches Bad nur höherpreisige Wohnungen auf. Ganz früher, na, sagen wir mal, bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, war es üblich, dass man Abend für Abend, an der Grenze zwischen Tagewerk und Feierabend in ein öffentliches Bad (sentô 銭湯 ”Münzbad” , weil man dafür bezalhte) ging, um dort im Kreis der Nachbarn, aber auch Wildfremder (nach Geschlechtern getrennt!) das Baderitual zu vollziehen. Diese Bäder erleben gerade eine Renaissance als Orte soziokulturellen Austausches.
In einer Stadt wie Berlin mit hohem Anteil an Single- Wohnungen, ist eine solche Badekultur natürlich Luxus, weil rechnerisch auf jede Person eine volle Wannenfüllung käme. Als ich einmal über die Neugestaltung meines Badezimmers nachdachte und dem Klempner gegenüber die Bemerkung fallen ließ, dass ich ein Freund japanischer Badekultur sei, schickte der mir prompt ein Angebot mit einer (angeblich) japanisch inspirierten Sitzwanne, die ein Fassungsvermögen von 400 Litern aufwies. Die Möglichkeit einer Mehrfachnutzung aber war schlichtweg übersehen worden. Allein das Gefäß, das den Rahmen meines bescheidenen Badezimmers gesprengt hätte, sollte über 4000 Euro netto kosten.
Das japanische Bad ist, trotz der Rationalität seiner Nutzung, Luxus, jedoch ein lässlicher, der die physische und mentale Regeneration fördert. Ich warte auf einen Klempner, der in der Lage ist, so eine Anlage zu bauen, ohne dass der Gesamtetat bereits von der Wanne allein verschlungen wird. Es wäre mir gleich, ob die Firma „Feinschliff“ oder „Grobschliff“ heißt. Um auf den erwähnten Artikel zurückzukommen: Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet ein Parkettleger dem Wannenbad ab- schwört. Wo doch die Dusche das zeitgemäße Pendant zum Laminat ist. Und das Parkett die Badewanne unter den Fußbelägen.